Ansichtssache

22:16 Uhr, U7, Mehringdamm, Berlin.

Die Bahn ist voll und ich zwänge mich an den Fensterplatz eines Viererabteils. Stelle fest, dass meine einseitig kaputten Kopfhörer nicht da sind, wo sie sein sollten. Akzeptiere meine Lage und beobachte mein Umfeld. Neben mir ein Mädchen, etwas älter. Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarzer Lippenstift, schwarze Klamotten, bleiche Haut und ein, für mein Verständnis, Hundehalsband als Kette. Im Gesicht überall Metall. Was ist sie, ein Gothic, ein Emo, ein Gruftie? Ich möchte ja keine Gefühle verletzen, aber ich habe keine Ahnung, drum schmeiße ich alles in einen Topf.

Gothic-Emo-Gruftie tippt mit dem Fuß auf den Boden zu einem imaginären Rhythmus. Aber hallo tolerante Welt, ich muss uns ja keine Freundschaftsarmbänder flechten, sondern nur „Ansichtssache“ weiterlesen

Morgen

Sie sind nervös.
Sie versuchen es zu verbergen, aber ich sehe es. Fahrige Hände, gehetzte Blicke.
Es ist ein sonderbarer Zustand, irgendwo zwischen Aufregung und Druck. Lässt uns zweifeln. Zweifel ist eine tückische Form von Schwäche, kann dich urplötzlich überkommen, dich umgarnen, dir Dinge zuflüstern. Lass das, warum tust du dir das an? Geh. Doch. Einfach.

Das Licht geht nicht aus – die Scheinwerfer gehen nicht an. Roh, ungeschönt und provisorisch müssen wir spielen. Wer ist laut, lauter, am lautesten?
„Was?“ Mein erstes Wort. „Wo denn?“ Mein zweites, drittes Wort. „Ein Licht?“ (verächtlich). Wer ist emotional, emotionaler, am emotionalsten?

Meine Gesten zu lasch, meine Wörter zu rasch. „Morgen“ weiterlesen

Ich war einmal…

Ich gehöre nicht nur zu den Kindern, deren stolze Eltern es nicht lassen konnten, innerhalb der ersten drei Lebensjahre kilometerlanges Filmmaterial zu erstellen (VHS wohlgemerkt, nix digital!), meine Mutter führte darüber hinaus eine Art Tagebuch über mich. Es beinhaltet meine ersten sinnvollen wie auch sinnfreien Sätze. Hier O-Ton meine Mutter (M. ist mein Vater, L. bin ich):

L. plap1797462_685613504834568_887832066_npert jetzt schon ganz viel in ihrer wundersamen Kleinkindsprache: „Kuckal“ heißt „kuck mal“. Wenn ich sage: „Ich versteh dich nicht“ , sagt L. „Mama dumm.“

Vor drei, vier Tagen redeten wir über Herren-Herrlichkeiten und Damen-Dämlichkeiten (wir saßen im Garten). Auf einmal sagte L. zu mir: „Du bist eine Frau und ich bin eine Dame!“

Vorhin sind M. und ich mit L. spazieren gegangen, L. auf dem Dreirad. Da kamen zwei Passanten vorbei und einer sagte: „Na, kleine Mausi?!“ Da brüllte L. ihn an: „Ich bin keine Mausi, ich bin eine L…!“

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Kann man die Weisheit mit Löffeln fressen? – Eine Utopie

Wissen macht nicht aus jedem einen guten Menschen, doch schützt es vor einem: Dummheit. Und Dummheit, gepaart mit Egoismus, Machtstreben, verletztem Ehrgefühl, kann ganze Kriege auslösen. Löscht man also den Aspekt der Dummheit,  wäre auch der Aspekt des Kriegswunsches erloschen? Wie wäre die Welt, wenn ein jeder das gleiche Wissen hätte? Ich begebe mich „Kann man die Weisheit mit Löffeln fressen? – Eine Utopie“ weiterlesen