Wissen macht nicht aus jedem einen guten Menschen, doch schützt es vor einem: Dummheit. Und Dummheit, gepaart mit Egoismus, Machtstreben, verletztem Ehrgefühl, kann ganze Kriege auslösen. Löscht man also den Aspekt der Dummheit,  wäre auch der Aspekt des Kriegswunsches erloschen? Wie wäre die Welt, wenn ein jeder das gleiche Wissen hätte? Ich begebe mich in ein Gedankenexperiment.

Ich wache auf. Regen platscht an die Fensterscheiben. Meine Decke hat sich irgendwann in der Nacht verabschiedet und liegt nun auf dem Boden. Ich fröstele nun an den Beinen und bin versucht, die Decke heraufzuziehen, sie um mich zu schlingen und wieder einzudösen. Aber ich weiß, dass ich meiner momentanen Zeitberechnung nach bereits drei Minuten und fünfzehn Sekunden zu spät dran bin. Also raffe ich mich auf, nehme meine morgendlichen Tabletten, die meinem Gehirn das altersentsprechende Wissen vermitteln und mache mich fertig. Um acht Uhr, drei Minuten, fünfzehn Sekunden sitze ich im Klassenzimmer.

In der Schule wird nicht wie früher versucht, unmotivierten Schülern das Wissen beizubringen, von dem sie am Ende eh nur ein Bruchteil behalten. Bei uns in der Schule wird das Wissen, das wir haben, angewendet. Wir rezensieren Bücher, diskutieren über politische Themen, versuchen unser Physikwissen in Experimenten einander zu demonstrieren. Das Wissen, das unsere Gehirne von den Tabletten am besten aufnehmen können, ist das Wissen, das uns am meisten interessiert.

Nach der Schule haben wir die Möglichkeit, in Berufe hinein zu schnuppern. Wir haben nicht alle die gleichen Qualifikationen, auch wenn man das vielleicht meinen könnte. Intelligenz und Wissen mögen sich auf den ersten Blick nicht auseinander halten können und ganz voneinander trennen lassen sie sich, gleichgültig, wie groß die Anstrengung auch sein mag, auch nicht. Jedoch kommt es immer darauf an, was ein Mensch mit seinem Wissen macht. Tabletten, die uns das Wissen schenken, übernehmen nicht das Denken.

Auf der Welt gibt es Krieg, so wie es ihn auch schon gab, als die Menschen ihre wertvolle Lebenszeit damit verbrachten, Daten auswendig zu lernen, fremde Sprachen nicht gleich zu benutzen, sondern einzelne Wörter aufzuschreiben und sich einzuprägen, nur um sie dann eh nicht zu benutzen, wenn sie es müde waren, jeden Tag ihr Gedächtnis aufzufrischen.

Doch der Krieg ist stiller geworden, ein laues Lüftchen Unfrieden, das ab und zu auf der Welt weht, wenn es jemand schafft, seine größenwahnsinnigen Pläne in Angriff zu nehmen. Wenn es aber zu solch einem Fall kommt, versucht die Mehrheit des Volkes, dies zu verhindern. Sie weiß genau, welche politischen Züge zu einem Krieg führen, wie es dadurch zu Verletzten und Toten kommt. Sie kann sich zusammenrechnen, wie viele es sein mögen, wie viele von ihren Freunden statistisch gesehen dabei umkommen könnten. Der Frieden langweilt uns nicht, wir wissen es besser.

Wir wissen vieles besser als Menschen es vor Jahrhunderten taten. Wir haben medizinische Kenntnisse und bei Notfällen kann jeder helfen. Wir wissen exakt, wie wir bei vereister Fahrbahn Auto fahren sollten. Wir kennen das Straßennetz, wir können uns nicht verfahren. Wir wissen, wie man kocht und was und auch, wenn man es noch nie getan hat. Wir wissen, wir wissen. Wir wissen. Und wir denken, nutzen.

© leoxless 2014

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3 Kommentare zu „Kann man die Weisheit mit Löffeln fressen? – Eine Utopie

  1. Löscht man also den Aspekt der Dummheit, so wäre auch der Aspekt des Kriegswunsches erloschen.

    Ich finde den Artikel sehr gut, aber wie kommst du zu der Annahme? Rein rational (ohne moralische Bewertung) kann ein Krieg unter Umständen durchaus für eine nach Macht strebende Partei als legitimes Mittel erscheinen, oder was meinst du damit? Nur als Denkanstoß:D.

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  2. Denkst du nicht, dass man durch allumfassendes Wissen die Religionen quasi auflösen würde? Ich denke, dass nur dies den Effekt haben würde, den wir uns alle wünschen – eine friedlichere Welt. Viele derzeitige Konflikte sind religiöser Ursache.
    Religionen sind in erster Linie durch Unwissenheit entstanden. Meiner Meinung nach resultieren die ’stilleren Kriege‘ in deinem Gedankenexperiment aus der zwingenden Auflösungung der Religionen durch universelles Wissen, nicht durch rationale Kalkulation des Volkes.

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    1. Ich finde deinen Gedankengang sehr spannend, auch ich bin als ehemalige Katholiken und nun Atheistin der Überzeugung, die selbst in meiner familie teilweise stark kritisiert wird, dass Religionen mehr schaden als nutzen, zumal man auch ohne viel Gutes tuen könnte. Allerdings gab es ja auch schon immer viel Krieg um Gebiete oder Bodenschätze – mit der Möglichkeit sich tatsächlich ausrechnen zu können, dass es deswegen aber mindestens einen Toten in seinem Freundeskreis geben könnte, wäre vielleicht diese Habgier besiegt. Aber natürlich hat dieses Gedankenexperiment auch Schwächen, zum Beispiel wenn diese Rechnung nicht aufgeht. Und besonders heutzutage werden Kriege oder Terror ja wirklich durch Religionen begründet.

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