22:16 Uhr, U7, Mehringdamm, Berlin.

Die Bahn ist voll und ich zwänge mich an den Fensterplatz eines Viererabteils. Stelle fest, dass meine einseitig kaputten Kopfhörer nicht da sind, wo sie sein sollten. Akzeptiere meine Lage und beobachte mein Umfeld. Neben mir ein Mädchen, etwas älter. Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarzer Lippenstift, schwarze Klamotten, bleiche Haut und ein, für mein Verständnis, Hundehalsband als Kette. Im Gesicht überall Metall. Was ist sie, ein Gothic, ein Emo, ein Gruftie? Ich möchte ja keine Gefühle verletzen, aber ich habe keine Ahnung, drum schmeiße ich alles in einen Topf.

Gothic-Emo-Gruftie tippt mit dem Fuß auf den Boden zu einem imaginären Rhythmus. Aber hallo tolerante Welt, ich muss uns ja keine Freundschaftsarmbänder flechten, sondern nur die Sitzbank teilen. Mir gegenüber sitzt eine ältere rundliche Frau mit knallrotem Lippenstift. Neben ihr eine Tasche, aus der eine Wasserflasche herausspäht.

Die Türen schließen sich, der Lärm von draußen ist weg. Vor mir Gebrabbel. Es ist die Frau, ich kann nicht hören, was sie sagt, aber ich glaube, es ist eine mir unbekannte Sprache.  Das Gebrabbel wird lauter, klar und deutlich –  zumindest vernehme ich jetzt die Wörter, die ich nicht verstehe. Ab und an schreit sie fast. Gohtic-Emo-Gruftie unbeeindruckt. Ich kann ihr Gesicht in der Plexischeibe mir gegenüber sehen, da ein Mann mit schwarzer Jacke dahinter steht.

Die Frau redet leise, dann lauter, so als würde sie einen bühnenreifen Monolog mit den Fahrgästen teilen. Überhaupt erinnert mich ihre ganze Sprechweise sehr ans Theater. Ich glaube, es ist Russisch, was sie da spricht. Und ich glaube, sie ist mit irgendetwas unzufrieden. Da sie aber hin und wieder zu ihrer Wasserflasche greift und an ihr nuckelt ehe sie spricht, drohen mir danach bei ihrem eifrigen Reden  immer ein paar Tropfen aus ihrem Mund  entgegen zu fliegen. Also spiele ich mit dem Gedanken aufzustehen – da hebt sie blitzschnell die Hand und schlägt sich selbst ins Gesicht.

Erschrocken zucke ich zusammen, Gothic-Emo-Gruftie neben mir tut es mir gleich. Des anderen Schrecken ebenfalls bemerkend, grinsen wir uns in der Plexiglasscheibe an. – Es ist,  als wäre sie nun, da es  plötzlich noch einen sonderbareren Sonderling gibt, meine „Verbündete“.

©leoxless

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4 Kommentare zu „Ansichtssache

  1. Das Mädchen erinnert mich ein wenig an Abby, aus NCIS, aber ich vermute das würde jeder Stereotyp dieser Art. 😉
    Diese „Sonderlinge“ wie du gesagt hast machen das Leben erst spannend und uns alle verschieden, zmindest hab ich diese Erfahrung gemacht.
    Und die Situationskomik (Wenn man das Komik nennen kann^^) ist auch super. 😀

    LG Luna

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  2. Komisch das ich gerade hier kommentiere, nur ich will nichts zu den so bunt gestalteten Urlaubsgeschichten schreiben. Ich finde es interessant wie du versuchst die eigentlich farblosen Dinge so bunt zu gestalten. Durch ein ironisches Spiel die größte Schwäche des Menschen aufzuzeigen und einen Ausweg ins bunte zu geben. Die Menschen so zu sehen wie sie sind und nicht wie sie zu sein scheinen. Das Bedürfnis nach dem lebendigen, neuen, kann ich nur teilen.

    So introvertiert, doch wenn allein, das Gegenteil.

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      1. Ich hoffe doch es ist mir gelungen ein wenig auf mysteriös zu machen ? 😀 dann bedanke ich mich auch mal für das Lob

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