Für Clara – „Über Paul und seine Mutter“

Tagsüber gaben wir uns wie Freunde und abends hatten wir dann den Alkohol, den wir am nächsten Tag als Entschuldigung für die letzte Nacht gebrauchten. Wir redeten nicht über das, was geschah, und das machte es auf irgendeine Art surreal.  Es war eine Zeit, in der niemand mehr das Gegenüber nach seiner Herkunft fragte, wenn es nicht deutsch aussah, und langsam es nicht mehr toleriert wurde, wenn Jungs zueinander spielerisch sagten, dass irgendetwas schwul aussähe und deine-Mudda Witze langsam öde wurden. Essen wurde drapiert, fotografiert und gepostet und je weniger Kalorien, desto mehr likes. (Obwohl es dort auch auf die Kreise ankam.) Unsere ersten Male, blutige Laken, ausnüchternde Krankenhausfahrten, hatten wir alle mittlerweile hinter uns. Wir chillten viel, aber immer mit der Angst im Nacken, irgendwo etwas zu verpassen.
Und obwohl ich mich im Schneidersitz auf den eklig verklebten Boden der U-bahn hockte, wenn es keinen Sitzplatz mehr gab, auf den Straßen ohne Rücksicht laut Musik hörte und ständig Neologismen zum Umwandeln von hochsprachlichen Wörter in Jugendsprache benutzte, fühlte ich mich altmodisch. Ich wartete. 
Ich wartete auf den einen Jungen, der mein Herz im Sturm erobern würde und mit dem sich eine Beziehung mit all seinen Pflichten nicht lästig anfühlen würde. Bis es soweit war, würde ich mich vergnügen.
Dafür hatte ich Paul auserkoren. Er schien ein recht anständiger Junge aus gutem Hause mit einem Hang zu Alkohol und Partys zu sein. Und während die meisten Anderen sich harte Drogen einschmissen, lehnte er stets humorvoll ab, und das mochte ich.

Es war ein warmer Sommertag und die Konstellation unserer Truppe kam nur dadurch zustande, dass die meisten unserer jeweiligen besten Freunde bereits den Sommer im Süden verbrachten, faul die Beine in den Hotelpool baumeln ließen, oder mit Rucksack auf dem vom Schweiß nassen Rücken durch die Landschaften turnten.

Ich saß hinten, in dem Auto, das nicht sauber war, aber auch nicht schmutzig. Eher muffelig. Und dieser Geruch nach heißem Stein und Schweiß und vergessenem Essen in vergessenen Brotboxen. Wir fuhren im Wagen von Kai, den alle nur wegen eben dieses Wagens tolerierten und weil er der Einzige unter uns war, der bereit war auf Alkohol zu verzichten, um uns sicher nach Hause zu fahren.
Paul saß neben mir. Ich sah den dunklen Rand unter seinen Achseln, aber es machte mir nichts aus, denn es erinnerte mich an den Schweiß letzter Nacht, und mich überkam absurderweise bei dem Anblick ein Anflug von Geborgenheit. In letzter Zeit hatte ich mir öfters eine Zukunft mit ihm ausgemalt, aber vielleicht war das auch nur die Biologie in mir, die Bindungshormone und der angeborene Trieb mich fortzupflanzen. (Was ich allerdings nicht vorhatte.) (Was sich in 10 Jahren dann aber bestimmt ändern würde.)

Während jeder andere darauf bestanden hätte, dass Parkplatzsuche kein Schicksal des Fahrers sei, sondern alle Mitfahrer daran beteiligt sein sollten, gehörte Kai der Sorte Mensch an, die uns direkt zum See fuhr, um dann alleine die Parkplätze abzuklappern und dann eine halbe Stunde später nachzukommen.
Die Jungs zogen sich unbekümmert ihre Kleidung über den Badehosen aus, während die Mädchen (anwesend nur die stille Mara und ich) sich verlegen ihre Kleider und Röcke vom Leib zogen, jeder vom eigenen Komplex dazu getrieben zu sehen, wie es denn bei der anderen aussähe.

Es fing damit an, dass die stille Mara sich als gar nicht so still erwies, wie ich dachte. Sie initiierte eine Debatte über Intoleranz und Vorurteile , in die jedoch keiner richtig einstieg, da im Grunde genommen alle einer Meinung waren und es somit nicht viel zu diskutieren gab. Dabei fiel mir auf, was das an Mara war, das ich nicht mochte: Sie erinnerte mich an Pauls Mutter, die  ich flüchtig zwischen Tür und Angel kennengelernt hatte. Sie  hatte eine stille Feindseligkeit gehabt, ihre Lippen immerzu gekräuselt und nicht gelacht bei Dingen, bei denen jeder andere Mensch nun eben lachen würde. Kurzum: ich mochte sie nicht. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit, was ich mit Sicherheit weiß, da am darauffolgenden Tag mir Paul abends lachend erzählte, wie seine Mutter die Nase über mich gerümpft hatte und mich als bauernschlau betitelt hatte. Dass ich daraufhin tief verletzt war, konnte er einfach nicht verstehen. Ich fantasierte von zukünftigten Oster- , Geburtstags- und Weihnachtsessen und wie seine Mutter und ich uns, über den fein gedeckten Tisch mit den furchtbaren Plasikblumen hinweg, angifteten.

Auf das schnelle Ende von Maras Thema folgte eine peinliche Stille, bis jemand den Vorschlag brachte, eine Runde schwimmen zu gehen. Als es mir dann zu kalt wurde, ging Paul mit mir raus. Ich war gerade dabei ihm Platz zu machen, damit er als Erstes aus dem Wasser steigen konnte, da versuchte er sich als Gentleman (ungefähr das erste Mal seit ich ihn kannte) und machte stattdessen mir Platz, gab mir zu verstehen, dass ich als Erste hochklettern könne.
Um zu verstehen, wie merkwürdig diese Geste war, möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass, wenn es ein Wort für das Gegenteil eines Gentlemans geben würde (nein, das Wort, das mir nicht einfallen mag, ist nicht Arschloch), Paul diesen Titel mit Ruhm und Ehre verteidigen würde.
Das finde ich auch nicht weiter schlimm. (Also das, was er ist). Denn wenn man sich überlegt, dass eine Frau im 21. Jahrhundert nicht mehr das typische Hausmütterchen ist, das unbedingt einen Mann zu ihrem Glück braucht und umworben werden möchte bis sich die Balken biegen, so ist der Mann eben nicht mehr der galante Held, den die Frauen anschmachten, sobald er ihnen die Türen, Jacken aufhält und Schlägereien für seine Herzensdame auf sich nimmt.

So kam es, dass ich mich auf einmal unwohl fühlte. Während ich eine Hand um eine Wurzel schlang, an der ich mich an unserer Badestelle aus dem See ziehen wollte,  spürte ich seinen Blick auf meinem Arsch. Wirklich. Ich spürte ihn. Frauen können sowas.  Und fast hörte ich, wie er ihn in Gedanken mit anderen verglich. Und plötzlich war meine Zuneigung für ihn erloschen.
Er erzählte gerade irgendetwas aus seinem letzten Urlaub.
Als ich mich umdrehte, flog sein Blick hoch zu meinem. Krampfhaft dachte ich darüber nach, wie ich ihm dieses Gefühl von ich-fühle-mich-wie-ein-verdammtes-Sexobjekt (Oder besser: ich-fühle-mich-wie-dein-verdammtes-Sexobjekt) irgendwie zurückgeben konnte. Mich revanchieren konnte für diesen Moment, der sich als Mädchen schlicht einfach nur scheiße und schon fast missbraucht anfühlt. Ironisch, wie mich seine Blicke so stören konnten, wo ich ihm abends doch noch viel mehr gab.
Doch ich antwortete nur auf seine letzte Frage, wo ich zuletzt Urlaub gemacht hätte und blieb des Weiteren stumm.
Er musste etwas von meinem Unbehagen gespürt haben, denn er berührte ganz sachte meine Schulter. Doch zwei Dinge waren mir nun klarer geworden als jeh zuvor:
1. Eine Beziehung oder eine mögliche Beziehung funktionieren einfach nicht, wenn seine Mama einen nicht mag.
2. Paul kann in zukunft jeden Arsch der Welt haben, nur nicht meinen.

©leoxless

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2 Kommentare zu „Zum Abschied

  1. Liebste leoxless,
    ich verfolge mit viel Spaß und Neugierde deinen Blog und stoße auf Geschichten und Gedanken, die ich gerne auch noch ein drittes Mal lese. Ich hoffe, du machst weiter so und ich werde auch von weiter Entfernung ein treuer Fan bleiben.
    In Liebe

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    1. Vieeeelen Dank für das schöne Kommentar! Och ja, da wird man ja ganz sentimental! Bleib genau die Clara die du bist, und guut, von mir aus darfst du dich auch ein bisschen Weiterentwickeln und verändern und ich find dich immer noch spitze, aber zumindest: heirate uns ja keinen Thailänder in der Zeit ! 🙂
      Liebst, leo

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