Mister AfD

Diesen Beitrag widme ich Georg Schwab, AfD, den ich am Donnerstag, dem 26.05. abends an der Kirche am Friedrich-Wilhelm-Platz in Berlin traf, und den meine Freunde und ich bei der Gelegenheit nach dem ‚Warum‘ fragten. Ihr wisst schon, warum er einer salonfähigeren Variante der NPD beigetreten ist.

Kann ich in meinem Lebenslauf schreiben, dass ich ehrenamtlich arbeite? Immerhin bekomme ich kein Geld für diesen Blog. Ich wirke also bei dem Projekt, das Internet friedlicher zu machen, mit, frage mich genau wie ihr jetzt tagtäglich, warum so viele dieses Angebot nicht wahrnehmen. Wenn ich’s mir genau überlege, müsste ich eigentlich vom Staat bezahlt werden. Natürlich solange die AfD nicht das Sagen hätte, da könnt ich’s mir abschminken, die stehen nicht so auf Kritik, die haben eh ein anderes Wort dafür, es nennt sich „Lüge“.
Reformen der deutschen Sprache sind aber nicht das einzige, was die können, ne, ne. Die helfen mir jetzt auch beim Sparen, gebe jetzt nicht mehr soviel Geld beim Essengehen aus, verlasse nämlich meine Wohnung nicht mehr. Da draußen lauern Pegida und AfD und Georg Schwab und andere Gefahren, und wenn ich denen begegne, werde ich vermutlich aus Deutschland ausgewiesen und kann nicht mehr rein, denn sonst werde ich an der Grenze erschossen, bin nämlich ein gläubiger Flüchtling, glaube tief und fest ans Flüchten vor Problemen, wie meinen Mathe- und Biohausaufgaben, bin mehr so der geisteswissenschaftliche Typ.

An besonders schlimmen Tagen schalte ich das Internet aus, die Beleidigungen dort sind gefühlt sehr willkürlich, und doch sehr schlimm.  An besonders schönen Tagen wird die Stimme in meinem Kopf, die sagt: „Kind, geh doch mal raus“, sehr laut und ich mache Urlaub auf Balkonien. Da ist es sonnig, und wenn dann doch mal Pegida oder AfD oder mal wieder Georg Schwab unten entlangläuft, kann ich wenigstens drauf spucken. Das war jetzt politisch nicht ganz korrekt, aber wenigstens habe ich nicht „drauf schießen“ gesagt, das gehört sich nämlich nicht, und außerdem ist Georg Schwab doch gar kein Flüchtling. Zur Sicherheit kann ich ja auch nochmal bei Petry nachfragen, die weiß eh immer alles besser.
Meine Gruppe, circa 20 Leute, ließen den Abend an dem Platz ausklingen, als Mister AfD vorbeilief und uns nett fragte, was wir denn so machen, er uns Bilder zeigte von ihm beim Theater und dann schließlich bei der AfD. Wenn ich sehe, dass die AfD teilweise im zweistelligen Bereich Zuspruch findet, erschreckt mich dies. Doch ich bin nicht der Meinung, man sollte sie jetzt umso mehr mundtot machen. Das hilft niemandem außer der AfD, die sich dann noch mehr als Opfer postuliert.
Georg Schwabs bester Freund sei Tunesier, meinte er zu uns. Aber Muslime seien schlimm für Deutschland, #kulturundso, fünf Minuten später waren es dann doch nur die Islamisten, die schlecht seien.
„Aber Herr Schwab, jede Partei ist doch gegen Islamisten?“
„Nein“, sagt er, „die haben nur ihr Programm an unseres angepasst.“ Aha.

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Neulich in Berlin

Ich musste vorhin niesen. Es war nicht so dramatisch, wie es sich anhört, es war bloß der Anfang meiner Geschichte. Danach sind der Hund und ich spazieren gegangen. Er gehört mir nicht, aber ich halte mich an das alte Sprichwort, das mir schon in Grundschulzeiten zu Reichtum verholfen hat: Was man findet, darf man behalten. Wir haben zufällig den Hundebesitzer getroffen, er war so damit beschäftigt, seinen Hund zu suchen, indem er sein Gesuch an die Bäume klebte, dass er uns nicht bemerkte.

Ich lud den Hund auf eine Spritztour ein und der knurrte begeistert. Es könnte auch wütend gewesen sein, aber versuch du mal, einen Hund zu verstehen. Dann machten wir Rast. Pipi machen kostete 75 Cent. Wertbon von 50 Cent wurde am Automat ausgespuckt. Sollte auf die Toilette gehen nicht so etwas wie ein Menschenrecht sein? Ich werde mich dafür stark machen.

Der Hund und ich sind ein eingespieltes Team. Wenn der eine arbeiten muss, sagen wir uns oft, dass wir uns vermissen. Habe ihm dafür extra ein Handy gekauft.

Auf dem Heimweg habe ich eine Katze gesehen. Habe sie mitgenommen und den Hund dort gelassen, Katzen mag ich nämlich noch lieber.

©leoxless

Faust beim Psychologen

„Faust, Heinrich. Professor. Ich werde 40, aber denken Sie jetzt ja nicht, dass ich in einer Midlife Crisis stecke oder gar einem Burnout – das sind Erfindungen der Moderne. Eine Zeit, in der die Menschen durch Googlen denken, ihrer Krankheit auf der Spur zu sein. Zugegeben, Goethe wäre neidisch, allein schon, um mal eben fix ein Synonym für ‚unglücklich‘ zu googlen, weil ‚unglücklich‘ so plump und einfallslos klingt. Aber das ist es nun mal, was ich bin, unglücklich. Ich habe das Gefühl, als würde ein Leben nicht ausreichen, um all den Dingen auf den Grund zu gehen, die ich nicht verstehe, und als würde ich meinen Schülern durch mein Halbwissen mehr schaden als nützen.

Personen, die mir nahestehen… um ehrlich zu sein, die gibt es nicht. Hatte neulich ein Date. Verlief nicht so gut, sie dachte, als ich in meinem Profil ‚liebt die Kunst‘ stehen hatte, nicht an die Zauberkunst.
Ich hatte mir ein wenig Gift für schlechte Tage aufgehoben, kennen Sie ja sicher. Aber schlechte Tage gibt es zur Genüge, Gift nicht.
Ob ich mein Leben dokumentiere? Mein Notizblog und ich sind nie alleine. Es nennt sich großspurig Tagebuch, und alles was ich in es hineinschreibe, wird von einem permanenten Gedanken verfolgt. WAS, WENN ES JEMAND LIEST?

Tagebücher sind nur gut, wenn auch Gutes darin steht, wenn es einen vielschichtiger und tiefgründiger erscheinen lässt. Wenn ich dann morgen oder übermorgen oder in ein paar Jahren oder nach einem ganzen Leben sterbe, man dann tot ist, und die Gegenwart die Vergangenheit ersetzt, wie das so ist, werden den Dingen, die ich zurücklasse, besonders viel Bedeutung beigemessen.

Man ist tot, und die Hinterbliebenen gehen mit nassen Augen das Hab und Gut des Verstorbenen durch. Niemand will ein Tagebuch zurücklassen, das einen als schlechten Menschen entlarvt. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, meines wegzuwerfen. Zudem könnte man leicht auf die Idee kommen, ich würde unter schweren Depressionen leiden. Wer schreibt denn auch Tagebuch an guten Tagen? Hallo, war heute im Zoo. Es war sehr schön. Alles fing damit an, dass… Ganz genau, niemand. Tagebuchschreiber sind eher der Typ Hallo, ich war heute auf dieser Feier, es war grauenhaft, alles fing damit an, dass…
Zumindest würde man dann mein Tagebuch finden, und auf Wikipedia würde dann stehen, dass ich bis zu meinem Tod an unentdeckten Depressionen litt, und ich würde als gestört, statt talentiert in Erinnerung bleiben und – Moment, Wikipedia?

Das setzt zwei Dinge voraus:

1) dass ich in meinem Leben irgendwas mache, das es es wert ist, über mich einen Beitrag zu verfassen. Jedoch frage ich mich immer, wer das eigentlich verfasst. Ich meine, dafür ist eine gründliche Recherche nötig, und man bekommt nicht mal Geld dafür. Wikipedia im Kapitalismus ist doch eigentlich ein großes Bekenntnis zur Menschlichkeit. Wie auch immer. Ich habe den heimlichen Verdacht, dass die Menschen ihre Wikipedia-Seiten selbst schreiben.

2) dass ich noch ein Weilchen leben werde, um etwas Wikipedia-Würdiges zu vollbringen, was bedeutet, ich kann mir beim Tagebuch wegwerfen noch etwas Zeit lassen.“

„Herr Faust, ich bin die Sekräterin. Bei mir müssen Sie nur einen Termin für Herrn Doktor machen.“

©leoxless

Ungeladene Gäste

Und wie man sie loswird
Ein Essay zu „Was ist Identität?“

Das Müßige hat sich wie ein Parasit an mich geheftet. „Willst du einkaufen gehen?“ frage ich es.„Nein“ sagt es, das sagt es gerne.
Wir streiten uns schon den ganzen Tag, und auf Protestieren meinerseits folgt immer Kapitulieren. Meinerseits.
„Möchtest du vielleicht ein Essay schreiben?
„Nö.“
„Das Handy weglegen?“ Das Müßige schüttelt den Kopf.
Vielleicht war es auch schon immer da, aber es mag am liebsten auftauchen, wenn mein Bett bequem ist und meine To-do-Liste lang. Dann spüre ich immer, wie es an die Tür klopft. Es ist wie ein alter Freund, mit dem man eigentlich nichts mehr zu tun hat, den man aber aus Pflichtgefühl trotzdem herein lässt, und vielleicht auch, weil man sich nicht traut, einen Schlussstrich zu ziehen, weil Enden immer so endgültig sind.
Dann lümmeln wir uns zusammen auf die Couch und reden über phantastische Zeiten im Präteritum und schmieden Pläne im Konjunktiv, um die Gegenwart zu vermeiden. Aber das Müßige will nicht gehen, ich gebe ihm dezente Hinweise bis sie immer undezenter werden und frage es, wann ich denn sonst endlich anfangen sollte, etwas über Identität zu schreiben, doch es lacht mich nur aus und sagt, dafür hätte ich doch noch über 1000 Wörter Zeit.
Dann lehnt es sich zurück und erzählt mir etwas über den Unterschied von psychischer und sozialer Identität. Bei ersterer nimmt man ein Merkmal einer bereits existierenden Gruppenidentität an und definiert sich so für sich selbst. Bei letzterer wird einem durch die Gesellschaft eine Identität zugeschrieben. Und dann, sagt es, gäbe es da noch die Netzidentität, die man sich nach dem Baukastenprinzip konstruieren könne.
Dann ruft es meinen Account auf Instagram auf und zeigt mir ein Bild mit schön drapiertem, gesundem Essen und hält im Vergleich meinen Teller mit der abgegessenen Fertigpizza hoch. „Ungeladene Gäste“ weiterlesen

Himbeersaft

Der Club ist so etwas wie öffentliches Eigentum und so sieht er auch aus. Es gibt nicht einmal einen Türsteher, der die Party von kriminellen Gestalten und untervögelten Frauen reinigt, die, heiß im Präteritum, in letzter Verzweiflung ihre ein-Meter-Highheels ausgepackt haben und sich zu rotem Lippenstift hinreißen ließen, um doch noch einen Mann abzubekommen. Und eigentlich ist dieser Drecksladen auch gar nicht wert erwähnt, geschweige denn beim Namen genannt zu werden. Aber er gehört dennoch zu meiner Geschichte. Der neue Kollege hat mich hierher geschleppt, ist mega hip, meinte er. Wenn der damit Anarchie meint, hat er Recht. Die Musik unterbricht, wenn man Glück hat, nur alle fünfzehn Minuten, weil irgendein Idiot rumpöbelt und seinen Musikwunsch etwas zu ernst nimmt. Trotzdem ist sie so laut, dass ich nur die Hälfte der Sätze mitbekomme, die der neue Kollege erzählt. Gefühlt eintausend Ellenbogen rammen mich, Alkohol wird über mich geschüttet, immer dringender denke ich: ich muss hier raus.
Ich zwänge mich vorbei an dunklen Gestalten, Wochenend- und Dauerpartygänger, draußen angekommen weiß ich nicht, ob es Schweiß ist oder Regen, der mein Shirt ganz nass gemacht hat. Ich tippe auf Regen. Das andere wäre nämlich eklig.
Die Sackgasse ist erfüllt von der gedämpften Musik und dem flackernden Licht des „Open“-Schildes. Ich bin noch nicht weit gekommen, die Schatten der Nacht verbergen mich als ich das Paar am Straßenrand streiten höre.

Er packt sie, schlägt sie, schubst sie. Gewalt ist für mich etwas Abstraktes. Hollywood. Allgemein bin ich relativ jungfräulich wenn es um das Bedürfnis geht, jemandem eine runter zu hauen.
Aber jetzt nicht mehr, bin involviert, kann mich nicht rühren, nicht bewegen. Das Sprichwort, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, bekommt eine ganz andere Dimension. Der Ort ist so falsch, nicht einmal dieses Adjektiv fühlt sich hier wohl.
Und die Zeit, sie wundert sich, wer plötzlich auf Winterzeit gestellt hat, auf düstere, kalte Winterzeit.

Sie fällt und das Blut ist süß, Himbeersaft, denke ich.   „Himbeersaft“ weiterlesen