Der Club ist so etwas wie öffentliches Eigentum und so sieht er auch aus. Es gibt nicht einmal einen Türsteher, der die Party von kriminellen Gestalten und untervögelten Frauen reinigt, die, heiß im Präteritum, in letzter Verzweiflung ihre ein-Meter-Highheels ausgepackt haben und sich zu rotem Lippenstift hinreißen ließen, um doch noch einen Mann abzubekommen. Und eigentlich ist dieser Drecksladen auch gar nicht wert erwähnt, geschweige denn beim Namen genannt zu werden. Aber er gehört dennoch zu meiner Geschichte. Der neue Kollege hat mich hierher geschleppt, ist mega hip, meinte er. Wenn der damit Anarchie meint, hat er Recht. Die Musik unterbricht, wenn man Glück hat, nur alle fünfzehn Minuten, weil irgendein Idiot rumpöbelt und seinen Musikwunsch etwas zu ernst nimmt. Trotzdem ist sie so laut, dass ich nur die Hälfte der Sätze mitbekomme, die der neue Kollege erzählt. Gefühlt eintausend Ellenbogen rammen mich, Alkohol wird über mich geschüttet, immer dringender denke ich: ich muss hier raus.
Ich zwänge mich vorbei an dunklen Gestalten, Wochenend- und Dauerpartygänger, draußen angekommen weiß ich nicht, ob es Schweiß ist oder Regen, der mein Shirt ganz nass gemacht hat. Ich tippe auf Regen. Das andere wäre nämlich eklig.
Die Sackgasse ist erfüllt von der gedämpften Musik und dem flackernden Licht des „Open“-Schildes. Ich bin noch nicht weit gekommen, die Schatten der Nacht verbergen mich als ich das Paar am Straßenrand streiten höre.

Er packt sie, schlägt sie, schubst sie. Gewalt ist für mich etwas Abstraktes. Hollywood. Allgemein bin ich relativ jungfräulich wenn es um das Bedürfnis geht, jemandem eine runter zu hauen.
Aber jetzt nicht mehr, bin involviert, kann mich nicht rühren, nicht bewegen. Das Sprichwort, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, bekommt eine ganz andere Dimension. Der Ort ist so falsch, nicht einmal dieses Adjektiv fühlt sich hier wohl.
Und die Zeit, sie wundert sich, wer plötzlich auf Winterzeit gestellt hat, auf düstere, kalte Winterzeit.

Sie fällt und das Blut ist süß, Himbeersaft, denke ich.  Ich weiß wie Blut aussieht,  früher, da hab ich manchmal Nasenbluten bekommen, und donnerstagabends schaue ich immer Grey’s Anatomy, da gibt es auch viel Blut. Aber Himbeersaft, denke ich. Himbeersaft.

Und dann sieht er hoch, wenige Meter vor mir, und seine eisigen Augen sehen mich, und seine Zähne, seine Zähne sehen mich an, sein Lächeln ist noch surrealer als das Geschehen und ich schwebe, falle und renne. Renne.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es neblig in meinem Kopf. Schlaftrunken greife ich nach meinem Handy, und die Erinnerung kommt mit einem bitteren Nachgeschmack zurück. Grauen, Angst, Angst. Im Gleichschritt mit meinem Hezschlag gehe ich, mich zieht es zum Tatort, ist so ein banaler Satz, so oft gehört, aber beinahe genieße ich ihn zu denken, ein bisschen Hollywood und Himbeersaft.
Ich sehe die Menschentraube schon von Weitem. Ich versuche, mich so nah wie möglich an das Absperrband zu zwängen. Hallo, Entschuldigung, denke ich. Will ich sagen, aber es kommt nichts. Ich stehe da, blicke auf den Boden mit der weiß umrandeten Linie des Himbeersaftmädchens und fühle mich wie in einer Kulisse und nicht wie an einem Tatort.

Der Polizist lässt mich durch, er zeigt auf einen Mann, der mit dem Rücken zu mir steht und sich mit anderen möglichen Zeugen unterhält. Ich warte geduldig, ja warten ist mir sogar lieber als sprechen, beim Warten ist noch nie was Schlimmes passiert, denke ich.

Er verabschiedet sich und dreht sich zu mir um. Und dann seh ich die Augen, die Zähne. Ich erstarre und mir wird bewusst, dass Himbeersaftjunge auch ein Mensch mit einem Beruf ist, dass es schlechte Menschen überall gibt, ich bin umzingelt. Hilfe! Hilfe? Nein, keine Polizei.

© leoxless

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