Und wie man sie loswird
Ein Essay zu „Was ist Identität?“

Das Müßige hat sich wie ein Parasit an mich geheftet. „Willst du einkaufen gehen?“ frage ich es.„Nein“ sagt es, das sagt es gerne.
Wir streiten uns schon den ganzen Tag, und auf Protestieren meinerseits folgt immer Kapitulieren. Meinerseits.
„Möchtest du vielleicht ein Essay schreiben?
„Nö.“
„Das Handy weglegen?“ Das Müßige schüttelt den Kopf.
Vielleicht war es auch schon immer da, aber es mag am liebsten auftauchen, wenn mein Bett bequem ist und meine To-do-Liste lang. Dann spüre ich immer, wie es an die Tür klopft. Es ist wie ein alter Freund, mit dem man eigentlich nichts mehr zu tun hat, den man aber aus Pflichtgefühl trotzdem herein lässt, und vielleicht auch, weil man sich nicht traut, einen Schlussstrich zu ziehen, weil Enden immer so endgültig sind.
Dann lümmeln wir uns zusammen auf die Couch und reden über phantastische Zeiten im Präteritum und schmieden Pläne im Konjunktiv, um die Gegenwart zu vermeiden. Aber das Müßige will nicht gehen, ich gebe ihm dezente Hinweise bis sie immer undezenter werden und frage es, wann ich denn sonst endlich anfangen sollte, etwas über Identität zu schreiben, doch es lacht mich nur aus und sagt, dafür hätte ich doch noch über 1000 Wörter Zeit.
Dann lehnt es sich zurück und erzählt mir etwas über den Unterschied von psychischer und sozialer Identität. Bei ersterer nimmt man ein Merkmal einer bereits existierenden Gruppenidentität an und definiert sich so für sich selbst. Bei letzterer wird einem durch die Gesellschaft eine Identität zugeschrieben. Und dann, sagt es, gäbe es da noch die Netzidentität, die man sich nach dem Baukastenprinzip konstruieren könne.
Dann ruft es meinen Account auf Instagram auf und zeigt mir ein Bild mit schön drapiertem, gesundem Essen und hält im Vergleich meinen Teller mit der abgegessenen Fertigpizza hoch.Ich bin erst mal still und auch ein bisschen beleidigt, aber es fällt nicht auf, weil das Müßige viel redet, es kommt ganz in Fahrt und erzählt mir von der Zunahme psychischen Leidens im 21. Jahrhundert. Und dass mich das Netz abhängig mache und nur narzisstischen Gewinn bringe. Im Internet könne man dem Bedürfnis, etwas auszuleben, nachgehen, womit sich die Frage stelle, ob das Leben ins Netz auswandert. Das hat es aus dem Deutschunterricht, das weiß ich genau, da war ich nämlich auch. Aber das sage ich ihm nicht, ich bin nämlich immer noch beleidigt. Beleidigt schreibt es sich nur nicht so gut ein Essay, weswegen ich so tue, als würde ich dem Müßigem zuhören, doch heimlich kaue ich beiläufig alles und lasse es ungehört und zerstückelt in meinen Magen gleiten, da ist nicht viel drin, konnte das Müßige ja nicht zum Einkaufen überreden.

Ich lasse also meinen Körper verdauen und meinen Geist denken, meine Identität sprechen. Im Endeffekt ist „Identität“ auch nur ein Wort, das etwas Abstraktes zu fassen versucht und deswegen viel Raum für Ansätze lässt, es zu definieren.
Da draußen vor dem Fenster warten noch mehr Identitäten auf mich, die Meisten verewigt als Pixel, Nullen und Einsen. Im Netz kann man sich definieren, virtuelle Selbstfindung nennt sich das dann, und das kann positiv, wie auch negativ sein. „Wer bist du?“ scheint sich tagtäglich jeder zu fragen, der ein Bild, eine aktuelle Meldung, einen Emojy oder einen Avatar von sich erstellt. Diese Präsentation im Internet entspricht nicht immer der sozialen Identität, möglicherweise auch nicht der psychischen. Wer im realen Leben keinen Halt findet, kann ihn im Internet finden, doch die reale Welt wird vernachlässigt. Oder umgekehrt: die reale Welt wird durch das Netz bereichert, indem es zum Beispiel zu Denkanstößen anregt oder zur Weiterbildung. Auf fremde Identitäten im Netz zu stoßen, beeinflusst somit die eigene Identität stets auf irgendeine Weise. Aber ob das Leben ins Netz auswandere? Auf lange Zeit kann es wohl kaum befriedigend sein, einen Kusssmiley statt eines Kusses zu bekommen, ein Bild von einem See im Sommer zu sehen und nicht hineinzuspringen, ein Bild von der Sonne zu sehen, ohne sie auf seiner Haut zu spüren. Und seiner Identität all diese Erinnerungen von menschlicher Interaktion und Natur vorzuenthalten, die sie hätte weiter formen können.

Aber was macht die Identität denn überhaupt aus? Herkunft, Aussehen, Religion, Umfeld, Werte, Talente, Ticks?
Zu meiner Identität gehört das Müßige, ich kann es nicht abstreiten. Bei fast jeder wichtigen Frage des Lebens diskutieren wir, hab meinen eigenen Debattierclub im Kopf.

Ich denke, die Identität besteht aus einer Vielzahl geladener Gäste, die dann ein paar Freunde mitbringen, und welchen, die sich einfach hineinschmuggeln. Der eine Gast nennt sich Herkunft, niemand weiß genau, wie und wann er aufgekreuzt ist, aber er war schon immer da. Für Herkunft kann man deswegen niemanden beschuldigen, lediglich für Patriotismus, ein Freund von Herkunft, der aber erst gefährlich wird, wenn Fanatismus beschließt, in den Debattierclub einzutreten.

Herkunft hat viele Freunde, Religion und er stehen sich nahe, aber oft kommt es auch vor, dass sie sich aus den Augen verlieren. Nur weil man zum Beispiel auf Wunsch der Elten als Kleinkind katholisch getauft wurde, heißt es nicht, dass man es sein Leben lang bleibt.  Beweisstück A schreibt gerade dieses Essay.
Aussehen ist ebenfalls ein Dauergast, es kommt aber vor, dass er sich im laufe der Zeit durch die Reife und den Komplex verändert. Komplex ist ein hartnäckiger Lobbyist der Schönheitschirurgie und Kosmetik.
Umfeld ist ein sehr launischer Gast, er lässt sich leicht ablenken, manchmal ist er ganz euphorisch, wenn er seine lang ersehnte Liebe wieder trifft. Dann hat Umfeld die Hosen an und befielt Komplex, zu wachsen, und Vernunft, zu schrumpfen. Die Erinnerung führt bei alldem Protokoll.
Das mag jetzt ganz schön viel auf einmal gewesen sein, dabei ist die Liste noch ellenlang. Identität ist also ein Zusammenspiel aus verschiedenen Variablen.

Und Identität ist erlernbar. Eine neue Sprache zu lernen, ist nicht nur eine neue Sprache lernen, es ist seine Identität zu erweitern.
Manche Menschen sagen, dass Kinder unfertige Menschen sind. Das ist politisch vielleicht nicht ganz korrekt, aber einen Gedanken wert. Immerhin bekommt unser Debattierclub im laufe der Zeit immer mehr Gäste. Zum Beispiel Moral, die Fähigkeit eine Süßigkeit abzulehnen und Autoritätspersonen anzweifeln.

Aber im Grunde genommen lernt ein Mensch nie aus, und es gibt gar keine fertigen Menschen. „Fertige Menschen“ wäre also ein negativer Begriff für Menschen, die es aufgegeben haben, ihren Horizont zu erweitern.

Und was passiert bei „schlechten“ Menschen? Mördern, Vergewaltigern, Hitlern? War da einfach ein ungeladener Gast im Spiel, der die Debatte in die falsche Richtung gelenkt hat?Ich denke, es gibt keine von Grund auf schlechten oder guten Menschen, ich denke, es gibt freien Willen, der sich für die falsche Sache entscheiden kann. Auch Shakespeare ist da ganz meiner Meinung: “An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.“

Ich würde „das Denken“ durch „freien Willen“ ersetzen.
Das ist es, was wir noch haben, den freien Willen, der überall da selbstverständlich ist, wo man nicht allzu oft darüber nachdenkt. Denn der freie Wille kann darüber bestimmen, welchem Gast man am meisten zuhört. Jeder denkt doch stets unkluge und böse Dinge. Nur, dass die guten unter ihnen diesen nicht nachgehen.

Das Müßige ist plötzlich stumm, es merkt, wie ich es ausgetrickst habe. Ja, da staunst du, Müßiges, das Essay ist da und es kommt zu dem Schluss, dass Identität sich aus verschiedenen Aspekten der Persönlichkeit zusammensetzt, deren Befehlsgewalt jedoch der freie Wille einschränken kann.
Auf Wiedersehen, Müßiges, tut mir leid fürs Ausladen.

©leoxless

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4 Kommentare zu „Ungeladene Gäste

  1. Oh, wie gut ich das kenne. Ich hänge gerade auch wieder mit meinem Müßigen ab, weshalb es mir irgendwie nicht gelingen will, selbst etwas geistreiches zu schreiben.
    „Mach dir nichts draus“, spricht das Müßige. „Ohne mich wärst du nie auf diesem Blog gelandet. Und es hat dir doch Spaß gemacht, dieses Essay zu lesen, lüg‘ doch nicht!“

    Gefällt 1 Person

  2. Das Müßige hätte mich fast daran gehindert, dir einen Kommentar dazulassen, aber der freie Wille hat sich dafür entschieden. Auf kapitulieren seinerseits konnte ich mich der Gegenwart stellen, um auch in der Zukunft an deinem atemberaubendem Schreibstil teilzuhaben.
    Ich danke 😇

    @karloni

    Gefällt 1 Person

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