„Faust, Heinrich. Professor. Ich werde 40, aber denken Sie jetzt ja nicht, dass ich in einer Midlife Crisis stecke oder gar einem Burnout – das sind Erfindungen der Moderne. Eine Zeit, in der die Menschen durch Googlen denken, ihrer Krankheit auf der Spur zu sein. Zugegeben, Goethe wäre neidisch, allein schon, um mal eben fix ein Synonym für ‚unglücklich‘ zu googlen, weil ‚unglücklich‘ so plump und einfallslos klingt. Aber das ist es nun mal, was ich bin, unglücklich. Ich habe das Gefühl, als würde ein Leben nicht ausreichen, um all den Dingen auf den Grund zu gehen, die ich nicht verstehe, und als würde ich meinen Schülern durch mein Halbwissen mehr schaden als nützen.

Personen, die mir nahestehen… um ehrlich zu sein, die gibt es nicht. Hatte neulich ein Date. Verlief nicht so gut, sie dachte, als ich in meinem Profil ‚liebt die Kunst‘ stehen hatte, nicht an die Zauberkunst.
Ich hatte mir ein wenig Gift für schlechte Tage aufgehoben, kennen Sie ja sicher. Aber schlechte Tage gibt es zur Genüge, Gift nicht.
Ob ich mein Leben dokumentiere? Mein Notizblog und ich sind nie alleine. Es nennt sich großspurig Tagebuch, und alles was ich in es hineinschreibe, wird von einem permanenten Gedanken verfolgt. WAS, WENN ES JEMAND LIEST?

Tagebücher sind nur gut, wenn auch Gutes darin steht, wenn es einen vielschichtiger und tiefgründiger erscheinen lässt. Wenn ich dann morgen oder übermorgen oder in ein paar Jahren oder nach einem ganzen Leben sterbe, man dann tot ist, und die Gegenwart die Vergangenheit ersetzt, wie das so ist, werden den Dingen, die ich zurücklasse, besonders viel Bedeutung beigemessen.

Man ist tot, und die Hinterbliebenen gehen mit nassen Augen das Hab und Gut des Verstorbenen durch. Niemand will ein Tagebuch zurücklassen, das einen als schlechten Menschen entlarvt. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, meines wegzuwerfen. Zudem könnte man leicht auf die Idee kommen, ich würde unter schweren Depressionen leiden. Wer schreibt denn auch Tagebuch an guten Tagen? Hallo, war heute im Zoo. Es war sehr schön. Alles fing damit an, dass… Ganz genau, niemand. Tagebuchschreiber sind eher der Typ Hallo, ich war heute auf dieser Feier, es war grauenhaft, alles fing damit an, dass…
Zumindest würde man dann mein Tagebuch finden, und auf Wikipedia würde dann stehen, dass ich bis zu meinem Tod an unentdeckten Depressionen litt, und ich würde als gestört, statt talentiert in Erinnerung bleiben und – Moment, Wikipedia?

Das setzt zwei Dinge voraus:

1) dass ich in meinem Leben irgendwas mache, das es es wert ist, über mich einen Beitrag zu verfassen. Jedoch frage ich mich immer, wer das eigentlich verfasst. Ich meine, dafür ist eine gründliche Recherche nötig, und man bekommt nicht mal Geld dafür. Wikipedia im Kapitalismus ist doch eigentlich ein großes Bekenntnis zur Menschlichkeit. Wie auch immer. Ich habe den heimlichen Verdacht, dass die Menschen ihre Wikipedia-Seiten selbst schreiben.

2) dass ich noch ein Weilchen leben werde, um etwas Wikipedia-Würdiges zu vollbringen, was bedeutet, ich kann mir beim Tagebuch wegwerfen noch etwas Zeit lassen.“

„Herr Faust, ich bin die Sekräterin. Bei mir müssen Sie nur einen Termin für Herrn Doktor machen.“

©leoxless

Advertisements

Ein Kommentar zu „Faust beim Psychologen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s