Finderlohn

Karl hat seinen Namen verloren.
Wenn man sein Alter verliert, ist das nicht so schlimm, man sieht es einem ja an. Selbst Botox, wie viel Wissenschaft man da auch hineinstecke, macht nur die Falten weg, nicht die Jahre. Jetzt sind wir noch jung und denken, wir könnten dem Alter davon joggen, aber warte nur ab, Großeltern sein ist nur zwei, drei gerissene Präservative entfernt.

Karl hätte vielleicht nur ein paar Schwierigkeiten, Alkohol zu kaufen, aber aus Schwierigkeiten entstehen immer ein paar lustige Geschichten. Und Großeltern ohne lustige Geschichten mag keiner. Die besucht man dann nur noch wegen des guten Essens, das die Oma macht, aber da ich nicht kochen kann und jedes Mal, wenn ich in der Küche stehe, Angst habe, damit meine Zustimmung zur Rollenverteilung zu geben, renne ich schnell genug wieder hinaus, so dass ich es in absehbarer Zeit auch nicht lernen werde.

Karl hat aber momentan größerer Probleme, denn seine Nationalität ist futsch. Und ein Mann ohne Nationalität ist dieser Tage ein Mann ohne Menschenrechte, du weißt das bestimmt, wenn du eifrig alle Berichte über Flüchtlinge, teilweise ohne Papiere, liest, die in irgendwelchen Flüchtlingsheimen misshandelt werden. Hast du dich jetzt auch über diese plötzliche politisch-gesellschaftskritische Wendung gewundert? So ist das mit den deutschen Gemütern dieses Jahrhunderts, die wundern sich, wenn Politik privat wird, das ist doch wirklich Merkels Job, ich schreib doch nur die seltsamen Texte. Außerdem ist das Leben für so etwas zu kurz, genauso wie für Spannbettlaken bügeln, das lernst du, wenn du das Werbeplakat im U-Bahnhof Spichernstraße in Berlin liest. Und wenn ich gerade schon dabei bin, ein paar Tipps fürs Leben zu geben, hier noch ein paar:

1) Angst ist ein schlechter Berater.

2) Mut ist gut.

3) Angst ist nicht Mut.

4) Lese keine Texte, die dir sagen, dass Angst nicht Mut ist, das ist offensichtlich und langweilig.

Außerdem solltest du nie deinen Namen verlieren, so wie Karl. Fast einen Monat lang hat er den Kopf in den Sand gesteckt und gebetet und gehofft, dass einer seinen Namen findet und ihn ihm zuschickt. Ohne Namen lebt es sich nicht leicht, den sieht man einem nämlich nicht so leicht an wie das Alter.
Wenn Menschen sagen, dass dein Name gut zu dir passt, ist das Bullshit, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, es liegt in seiner Natur, das zu denken, und zu Karl würde viel besser Max oder Paul oder Jakob passen. Du würdest wissen, was ich meine, wenn du ihn siehst. „Finderlohn“ weiterlesen

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Überwindung

Ich teste, flüstere die Worte, schaue wie sie sich anfühlen.
Und ich merke, dass der Augenblick verstrichen ist, die Chance vertan. Weiß, dass es zu spät ist für so vieles und beschäftige mich so lange mit diesem Gedanken, dass ich vergesse, dass ich auch jetzt noch Dinge machen könnte, Dinge ändern könnte.

Über die Faulheit, das Verschieben auf später, Vertagen auf Morgen. Wieder zu wenig geschlafen, doch rede mir ein, dass es vollkommen reicht.

Erstaunlich, wie viel Arschtreten es kostet, die Wäsche aufzuhängen.

Eine Bewerbung abzugeben.

Eine Bewerbung zu schreiben und sie abzugeben. Starre auf den goldenen „Überwindung“ weiterlesen

Ansichtssache

22:16 Uhr, U7, Mehringdamm, Berlin.

Die Bahn ist voll und ich zwänge mich an den Fensterplatz eines Viererabteils. Stelle fest, dass meine einseitig kaputten Kopfhörer nicht da sind, wo sie sein sollten. Akzeptiere meine Lage und beobachte mein Umfeld. Neben mir ein Mädchen, etwas älter. Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarzer Lippenstift, schwarze Klamotten, bleiche Haut und ein, für mein Verständnis, Hundehalsband als Kette. Im Gesicht überall Metall. Was ist sie, ein Gothic, ein Emo, ein Gruftie? Ich möchte ja keine Gefühle verletzen, aber ich habe keine Ahnung, drum schmeiße ich alles in einen Topf.

Gothic-Emo-Gruftie tippt mit dem Fuß auf den Boden zu einem imaginären Rhythmus. Aber hallo tolerante Welt, ich muss uns ja keine Freundschaftsarmbänder flechten, sondern nur „Ansichtssache“ weiterlesen

Ich war einmal…

Ich gehöre nicht nur zu den Kindern, deren stolze Eltern es nicht lassen konnten, innerhalb der ersten drei Lebensjahre kilometerlanges Filmmaterial zu erstellen (VHS wohlgemerkt, nix digital!), meine Mutter führte darüber hinaus eine Art Tagebuch über mich. Es beinhaltet meine ersten sinnvollen wie auch sinnfreien Sätze. Hier O-Ton meine Mutter (M. ist mein Vater, L. bin ich):

L. plap1797462_685613504834568_887832066_npert jetzt schon ganz viel in ihrer wundersamen Kleinkindsprache: „Kuckal“ heißt „kuck mal“. Wenn ich sage: „Ich versteh dich nicht“ , sagt L. „Mama dumm.“

Vor drei, vier Tagen redeten wir über Herren-Herrlichkeiten und Damen-Dämlichkeiten (wir saßen im Garten). Auf einmal sagte L. zu mir: „Du bist eine Frau und ich bin eine Dame!“

Vorhin sind M. und ich mit L. spazieren gegangen, L. auf dem Dreirad. Da kamen zwei Passanten vorbei und einer sagte: „Na, kleine Mausi?!“ Da brüllte L. ihn an: „Ich bin keine Mausi, ich bin eine L…!“

„Ich war einmal…“ weiterlesen