Hinterzimmerwahrheit

Mein Vermieter war tot, noch bevor er sich umbringen konnte.

Das hatten mir zumindest die wispernden Damen aus dem Erdgeschoss erzählt. Ich heuchelte ein wenig Trauer, genau wie die alten Damen, und dann gingen wir zusammen ins Hinterzimmer und stießen darauf an, dass wir keine Miete mehr zahlen müssten. Bald darauf klopfte Realität an, ganz lieb war sie. Sie konnte uns nicht in die Augen schauen als sie erwähnte, dass der Vermieter einen Nachfolger haben werde, an den wir sehr wohl Miete zahlen müssten. Doch wir luden Realität auf drei, vier Gläser Sekt ein, und bald war auch sie der Meinung, das mit der Miete habe sich erledigt.

Danach war ich ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Billy-Regal aufzubauen. Ich hatte es nicht bei Ikea gekauft, zu dem ich letzte Woche nicht hingefahren war, und hatte so keine Zeit, mir zu überlegen, ob ich der Sitte wegen doch noch meine Miete überweisen sollte. Ich entschied mich nicht, und wenn man sich nicht entscheidet, braucht man auch nicht handeln. Die Miete ist auf meinem Konto ganz gut aufgehoben, es wäre grausam, sie von dem nicht für den Strom bezahlten Geld zu trennen.

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Tiefsee

Meine Familie und ich leben auf einem U-Boot. Ich nenne es nicht mein zu Hause.
Wenn ich erst damit anfangen würde, mein U-Boot zu HAUSe zu nennen, könnte ich gleich meinen Toaster Heizung nennen, weil sie doch beide etwas warm machen und so vom Gefühl her das gleiche Resultat bringen. Damit mir dieses Malheur nicht passiert, habe ich meinen Toaster weggeschmissen.

Außerdem rollt meine Familie mit den Augen, wenn ich von dem U-Boot als unser zu Hause spreche, und davon, dass schon meine Großeltern hier gewohnt haben und dabei auf das Bild auf der Wand zeige. Ich nuschele dabei immer ein wenig, denn wenn man beim Lügen nuschelt, tut es dem Gegenüber hinterher weniger weh. Das kann sich dann nämlich einbilden, dass der Andere sich tatsächlich merkwürdig verhalten hat, und Menschen, denen es schwerer fällt zu lügen, sind beliebter.

Dabei stimmt es, dass meine Großeltern hier schon gelebt haben, von ihnen ist noch die ganze U-Boot Technik, allerdings haben sie nie Bilder gemacht. An Tagen, an denen sie sich liebten, da liebten sie sich zu sehr zum Bilder machen, und an Tagen, an denen sie sich hassten, da hassten sie sich zu sehr. Das Bild an der Wand ist aus einer der Zeitschriften, die ich immer gelesen habe, weil darin Tipps standen, wie man seine große Liebe findet und eine Familie gründet. Bilder von Paaren aus Zeitschriften zu schneiden, an die Wand zu hängen und als seine Großeltern auszugeben, war nicht unter den Tipps.

Zwischendurch war ich mir dann auch nicht mehr so sicher, ob ich wirklich noch eine Familie gründen will. Ein bisschen wegen der notwendigen Skrupellosigkeit und ein bisschen, weil meine Nase zugeschwollen ist, als meine Allergie sich bemerkbar machen wollte. Die gegen die Vertöße der deutschen Sprache, für die ich sogar auf knackiges Toastbrot verzichte.
Meistens ist es ja so, dass, wenn Menschen einsam sind, sie sich von dem Wort einsam manipulieren lassen und seinem negativen Beigeschmack. Das redet ihnen dann die Einsamkeit ein. Dabei ist EINsamkeit doch genauso ein Wort wie ZWEIsamkeit oder DREIsamkeit. Zu zweit oder zu dritt ist es oftmals nicht einmal schöner als allein.

Ich hatte allerdings nicht viel, das ich alleine genießen konnte. Ich hatte wenig Geld, wenig Selbstbewusstsein, wenig Attraktivität, wenig Feingefühl, wenig Talent. Nur eine Handvoll Erkenntnisse, wie zum Beispiel, dass wenn ich ein Mann wäre, ich mich beim Pinkeln immer hinsetzen müsste und dass ich beim Basteln lieber klebe als male. Und dass ich ein U-Boot habe. Und das bietet mir die Möglichkeit, Menschen zu beeindrucken, und war meine einzige Möglichkeit, mir eine Familie zu halten.
Das geht ganz einfach, indem ich die Luke hinter ihnen versperre. Dann führe ich die Familie hinunter auf die zweite Ebene und setze sie vor der großen Glasscheibe ab, durch die sie das Meer und die fischchen bestaunen können und sich wünschen können, sie wären sie.
Ich würde nicht sagen, dass ich eine Entführerin bin, ich habe einfach nur ein U-boot.

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Wer sich eine Familie klaut, ist einsam. Wer die Kulisse zu seinen Geschichten in einem Schuhkarton nachbaut, ist beängstigend.

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Zweisamkeit

Mein Schatten und ich stehen uns sehr nahe. Ich habe ihn liebevoll Follower getauft und fühle mich jetzt wie ein Blogger. Allerdings haben wir diese Art von Freundschaft, die an schlechten Tagen nicht mehr existiert, immer nur an sonnigen Tagen, aber dann amüsieren wir uns prächtig zusammen über die Wortwörtlichkeit.

Wir marschieren zusammen durch die Welt, wenn es für euch okay ist, dass ich Berlin so nenne, und reißen schlechte Witze, wie „Was ist ein Keks unter einem Baum?“ „Ein schattiges Plätzchen!“, und regen uns gemeinsam über schlechte Menschen und das Internet auf, aber sagen dabei nie Dinge wie „früher war alles besser.“ Früher war nämlich nix besser, da war DDR und NS-Regime und der 1. Weltkrieg, da hat man dann vielleicht nur mehr wertgeschätzt, was man hatte.

Heute hat man viel, und entgegen der Meinung, Geld mache nicht glücklich, wissen wir es besser. Von Geld kann man sich nämlich unzählige Dinge kaufen, und mein Schatten und ich kriegen dabei immer Vergünstigungen. Neulich haben wir einen Pay-1-get-2-Deal gemacht, da habe ich mir einen Hut gekauft, genauso einen wie mein Schatten ihn dann auch bekommen hat. Wir sind sehr glücklich in unserer Zweisamkeit. Manchmal lege ich mich auf ihn und dann kuscheln wir.
Am Ende unseres Lebens werden wir gemeinsam beerdigt, vorausgesetzt, die Sonne scheint.
Am Ende dieses Textes erwartet man vielleicht noch eine Pointe oder eine Quintessence, dabei ist hier nur das Ende. Gewöhnt euch dran, das Leben ist voller Enttäuschungen.

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Minderheiten im Alltag

Wir Vergesslichen haben es nicht leicht. Nicht nur, dass wir eine Minderheit sind, wobei Experten die Dunkelziffer um ein Dreifaches so hoch einschätzen, wir werden auch oft nicht ernst genommen. Heute war ich in der Küche und habe mir ein Brötchen aus der Brötchentüte genommen. Ich habe es zum Brotschneidebrett getragen und es abgelegt, so dass es sich ganz gemütlich von dem Marsch erholen konnte. Dann habe ich es in der Mitte durchgeschnitten und musste dabei nicht einmal mehr heulen. Mittlerweile habe ich mich nämlich an diese inhumanitäre Handlung gewöhnt, da ich während meines Frutarier-Daseins doch sehr unter Phantomschmerzen gelitten habe.

Nachdem ich das Brötchen zerschnitten hatte, bin ich zum Kühlschrank gelaufen. Als ich ihn aufgemacht habe, hat das Licht sanft meine Haut gestreichelt. Dann habe ich überlegt, was für einen Belag ich auf das Brötchen packen könnte. Stand eine ganze Weile davor und habe die Gegenstände im Kühlschrank in meinem Kopf akribisch einem Ranking unterzogen. Habe mich schließlich für den Kirschjoghurt entschieden, der hat mich nämlich ein wenig an meine Frutarier-Zeit erinnert, und ich war nostalgisch gestimmt.

Habe dann mit dem Joghurt in der Hand den Kühlschrank geschlossen, mich umgedreht und das zerschnittene Brötchen entdeckt, für das ich ja eigentlich nur einen Belag brauchte. Ich bin aber sehr unspontan und konnte den Joghurt dann nicht mehr zurückstellen. Habe die zwei Brötchenhälften dann heimlich wieder in der Brötchentüte verschwinden lassen. Ach, die anderen werden froh sein, wenn sie ein Brötchen essen wollen, und es ist dann schon zerschnitten, niemand will ja gern die Drecksarbeit machen.

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Unerwähnt, da dies in diesem Beitrag zu weit führen würde, ist das „vorsätzliche Vergessen“. Eine Konsequenz des vorsätzlichen Vergessens, eine Spülmaschiene auszuräumen, kann zum Beispiel das Beschmieren eines Toasts mit Butter durch einen Löffel sein.

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Neulich in Berlin

Ich musste vorhin niesen. Es war nicht so dramatisch, wie es sich anhört, es war bloß der Anfang meiner Geschichte. Danach sind der Hund und ich spazieren gegangen. Er gehört mir nicht, aber ich halte mich an das alte Sprichwort, das mir schon in Grundschulzeiten zu Reichtum verholfen hat: Was man findet, darf man behalten. Wir haben zufällig den Hundebesitzer getroffen, er war so damit beschäftigt, seinen Hund zu suchen, indem er sein Gesuch an die Bäume klebte, dass er uns nicht bemerkte.

Ich lud den Hund auf eine Spritztour ein und der knurrte begeistert. Es könnte auch wütend gewesen sein, aber versuch du mal, einen Hund zu verstehen. Dann machten wir Rast. Pipi machen kostete 75 Cent. Wertbon von 50 Cent wurde am Automat ausgespuckt. Sollte auf die Toilette gehen nicht so etwas wie ein Menschenrecht sein? Ich werde mich dafür stark machen.

Der Hund und ich sind ein eingespieltes Team. Wenn der eine arbeiten muss, sagen wir uns oft, dass wir uns vermissen. Habe ihm dafür extra ein Handy gekauft.

Auf dem Heimweg habe ich eine Katze gesehen. Habe sie mitgenommen und den Hund dort gelassen, Katzen mag ich nämlich noch lieber.

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Faust beim Psychologen

„Faust, Heinrich. Professor. Ich werde 40, aber denken Sie jetzt ja nicht, dass ich in einer Midlife Crisis stecke oder gar einem Burnout – das sind Erfindungen der Moderne. Eine Zeit, in der die Menschen durch Googlen denken, ihrer Krankheit auf der Spur zu sein. Zugegeben, Goethe wäre neidisch, allein schon, um mal eben fix ein Synonym für ‚unglücklich‘ zu googlen, weil ‚unglücklich‘ so plump und einfallslos klingt. Aber das ist es nun mal, was ich bin, unglücklich. Ich habe das Gefühl, als würde ein Leben nicht ausreichen, um all den Dingen auf den Grund zu gehen, die ich nicht verstehe, und als würde ich meinen Schülern durch mein Halbwissen mehr schaden als nützen.

Personen, die mir nahestehen… um ehrlich zu sein, die gibt es nicht. Hatte neulich ein Date. Verlief nicht so gut, sie dachte, als ich in meinem Profil ‚liebt die Kunst‘ stehen hatte, nicht an die Zauberkunst.
Ich hatte mir ein wenig Gift für schlechte Tage aufgehoben, kennen Sie ja sicher. Aber schlechte Tage gibt es zur Genüge, Gift nicht.
Ob ich mein Leben dokumentiere? Mein Notizblog und ich sind nie alleine. Es nennt sich großspurig Tagebuch, und alles was ich in es hineinschreibe, wird von einem permanenten Gedanken verfolgt. WAS, WENN ES JEMAND LIEST?

Tagebücher sind nur gut, wenn auch Gutes darin steht, wenn es einen vielschichtiger und tiefgründiger erscheinen lässt. Wenn ich dann morgen oder übermorgen oder in ein paar Jahren oder nach einem ganzen Leben sterbe, man dann tot ist, und die Gegenwart die Vergangenheit ersetzt, wie das so ist, werden den Dingen, die ich zurücklasse, besonders viel Bedeutung beigemessen.

Man ist tot, und die Hinterbliebenen gehen mit nassen Augen das Hab und Gut des Verstorbenen durch. Niemand will ein Tagebuch zurücklassen, das einen als schlechten Menschen entlarvt. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, meines wegzuwerfen. Zudem könnte man leicht auf die Idee kommen, ich würde unter schweren Depressionen leiden. Wer schreibt denn auch Tagebuch an guten Tagen? Hallo, war heute im Zoo. Es war sehr schön. Alles fing damit an, dass… Ganz genau, niemand. Tagebuchschreiber sind eher der Typ Hallo, ich war heute auf dieser Feier, es war grauenhaft, alles fing damit an, dass…
Zumindest würde man dann mein Tagebuch finden, und auf Wikipedia würde dann stehen, dass ich bis zu meinem Tod an unentdeckten Depressionen litt, und ich würde als gestört, statt talentiert in Erinnerung bleiben und – Moment, Wikipedia?

Das setzt zwei Dinge voraus:

1) dass ich in meinem Leben irgendwas mache, das es es wert ist, über mich einen Beitrag zu verfassen. Jedoch frage ich mich immer, wer das eigentlich verfasst. Ich meine, dafür ist eine gründliche Recherche nötig, und man bekommt nicht mal Geld dafür. Wikipedia im Kapitalismus ist doch eigentlich ein großes Bekenntnis zur Menschlichkeit. Wie auch immer. Ich habe den heimlichen Verdacht, dass die Menschen ihre Wikipedia-Seiten selbst schreiben.

2) dass ich noch ein Weilchen leben werde, um etwas Wikipedia-Würdiges zu vollbringen, was bedeutet, ich kann mir beim Tagebuch wegwerfen noch etwas Zeit lassen.“

„Herr Faust, ich bin die Sekräterin. Bei mir müssen Sie nur einen Termin für Herrn Doktor machen.“

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Himbeersaft

Der Club ist so etwas wie öffentliches Eigentum und so sieht er auch aus. Es gibt nicht einmal einen Türsteher, der die Party von kriminellen Gestalten und untervögelten Frauen reinigt, die, heiß im Präteritum, in letzter Verzweiflung ihre ein-Meter-Highheels ausgepackt haben und sich zu rotem Lippenstift hinreißen ließen, um doch noch einen Mann abzubekommen. Und eigentlich ist dieser Drecksladen auch gar nicht wert erwähnt, geschweige denn beim Namen genannt zu werden. Aber er gehört dennoch zu meiner Geschichte. Der neue Kollege hat mich hierher geschleppt, ist mega hip, meinte er. Wenn der damit Anarchie meint, hat er Recht. Die Musik unterbricht, wenn man Glück hat, nur alle fünfzehn Minuten, weil irgendein Idiot rumpöbelt und seinen Musikwunsch etwas zu ernst nimmt. Trotzdem ist sie so laut, dass ich nur die Hälfte der Sätze mitbekomme, die der neue Kollege erzählt. Gefühlt eintausend Ellenbogen rammen mich, Alkohol wird über mich geschüttet, immer dringender denke ich: ich muss hier raus.
Ich zwänge mich vorbei an dunklen Gestalten, Wochenend- und Dauerpartygänger, draußen angekommen weiß ich nicht, ob es Schweiß ist oder Regen, der mein Shirt ganz nass gemacht hat. Ich tippe auf Regen. Das andere wäre nämlich eklig.
Die Sackgasse ist erfüllt von der gedämpften Musik und dem flackernden Licht des „Open“-Schildes. Ich bin noch nicht weit gekommen, die Schatten der Nacht verbergen mich als ich das Paar am Straßenrand streiten höre.

Er packt sie, schlägt sie, schubst sie. Gewalt ist für mich etwas Abstraktes. Hollywood. Allgemein bin ich relativ jungfräulich wenn es um das Bedürfnis geht, jemandem eine runter zu hauen.
Aber jetzt nicht mehr, bin involviert, kann mich nicht rühren, nicht bewegen. Das Sprichwort, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, bekommt eine ganz andere Dimension. Der Ort ist so falsch, nicht einmal dieses Adjektiv fühlt sich hier wohl.
Und die Zeit, sie wundert sich, wer plötzlich auf Winterzeit gestellt hat, auf düstere, kalte Winterzeit.

Sie fällt und das Blut ist süß, Himbeersaft, denke ich.   „Himbeersaft“ weiterlesen