Und Jetzt?

Und jetzt? frage ich dich. Wir stehen eine Weile lang so rum. So rum stehen wir, manchmal auch woanders. Es ist nirgends besonders schön, vielleicht aber doch hier, sagst du. Und du sagst noch etwas anderes, aber ich höre dich nicht. Das passiert ganz oft, ganz oft höre ich dich einfach nicht. Ich will ja zuhören. Aber dann redest du so viel und meine Gedanken haben sich schon aufgehängt nach deinen ersten zwei Sätzen.  Ein bisschen hin und her geschwungen sind sie dann. Und dann warst du ganz woanders, im Kopf und auch im Wort. Und ich auch, ganz woanders. Woanders ist es vielleicht schöner als hier, sage ich. Nein, sagst du. Hier ist es  gut, besser als sonst. Lass uns hier bleiben.
Ich schlage dir vor, eine Weile erst mal nicht zu atmen. Vieleicht werden die Dinge dann besser, nicht gut, aber vielleicht besser. Lass uns sterben! habe ich dir gesagt und du fandest es großartig.  Nicht des Sterben willens, sondern weil wir es zusammen machen würden. Du und Ich. Es ist keine aufregende Angelegenheit, ganz im Gegenteil. Unheimlich kompliziert. Formulare und so n Quatsch. Wenn mans macht, dann ja auch schon richtig. Nicht so n Schwarzmarktscheiß, das wollen wir nicht, wir haben Stil, das haben wir der Tante am Telefon gesagt. Ausgelacht hat die uns. Ganz oft geamtet hat sie dabei, so altmodisch.
Na gut, hast du gesagt. Lass uns gehen, irgendwohin nur nicht hierher. Wenn wir schon atmen müssen, dann wenigstens bessere Luft, das Fenster aufreißen und so. Das klingt doch gut. Das Fenster aufreißen und schon ist da bessere Luft, frisch und unschuldig, so ein bisschen Welt in dir, lass uns das machen. Okay, sagte ich und zog an deiner Hand. Sie fiel dabei um und kullerte durch den Raum, ganz nach hinten, bis ans andere Ende. Hinterher! riefst du und wir hüpften der Hand nach, immer weiter hinein in den Raum. Irgendwann hatten wir sie dann umzingelt. Ich schüttle deine Hand, schüttle sie aus vom Staub und gebe sie dir wieder, du bist dankbar. Puh, sagst du. Ja, puh, sage ich, das war ja knapp. Du lächelst mich an.  Ich lächle zurück.  Und jetzt? fragst du.

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Ein typischer Sonntagnachmittag

Ich liege auf dem Küchenboden und fühle mich furchtbar allein. An dem Tisch neben mir stehen vier Stühle, von denen drei Plätze leer sind, den Vierten kann ich aus meiner Perspektive nicht sehen, aber als ich vor fünf Minuten das letzte Mal nachgeschaut habe, saß auch da niemand. Ich überlege, meine Wohnung zu verlassen, aber ich weiß, dass vor der Tür auch nur der Hausflur wartet. Dann höre ich es plötzlich an der Tür klingeln. Ich springe auf, ziehe mein Kleid zurecht, durchquere die Wohnung und reiße die Tür auf.
Doch alles, was mich da so frech angrinst, ist gähnende Leere. Wir starren einander an und sie schüttelt fast unmerklich ihren Kopf.
„Ich dachte du wärst jemand, den ich kenne“, sage ich, weil man schon etwas sagen muss, wenn man sich so direkt gegenüber steht.
„Ich schüttle nicht meinen Kopf, ich besitze gar keinen und reden kann ich schon gar nicht“, sagt sie nur. Und dann sage ich nichts mehr, sondern schließe die Tür.

Einbildung. Da draußen vor der Tür ist niemand – und am liebsten hätte ich mit ihm getauscht.

Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue nach oben, weil man das so macht, wenn man eine höhere Macht anspricht. Ich kann auch nicht erklären, warum die sich gerade im Himmel befinden soll – oder an meiner Zimmerdecke, fest steht nur, dass an meinem Zimmerboden ebenfalls niemand ist, der nach langem Bart und Flip Flops aussieht.
Was zuvor Aufregung war, ist nun Stillstand, ich lausche dem Wummern meines Herzens, und meine Gedanken hören langsam auf zu tanzen, stattdessen marschieren sie entschlossen in eine Richtung, sind treue Soldaten meines Textes, der mir eine Lösung bietet, die so offensichtlich ist, dass ich sie bisher übersehen hatte.
Ich greife zum Telefon und rufe meine Freunde an.

Morgen

Sie sind nervös.
Sie versuchen es zu verbergen, aber ich sehe es. Fahrige Hände, gehetzte Blicke.
Es ist ein sonderbarer Zustand, irgendwo zwischen Aufregung und Druck. Lässt uns zweifeln. Zweifel ist eine tückische Form von Schwäche, kann dich urplötzlich überkommen, dich umgarnen, dir Dinge zuflüstern. Lass das, warum tust du dir das an? Geh. Doch. Einfach.

Das Licht geht nicht aus – die Scheinwerfer gehen nicht an. Roh, ungeschönt und provisorisch müssen wir spielen. Wer ist laut, lauter, am lautesten?
„Was?“ Mein erstes Wort. „Wo denn?“ Mein zweites, drittes Wort. „Ein Licht?“ (verächtlich). Wer ist emotional, emotionaler, am emotionalsten?

Meine Gesten zu lasch, meine Wörter zu rasch. Weiterlesen „Morgen“