Wählen für Fortgeschrittene

Die Wahlen in Berlin stehen an und ich als gewissenhafter Bürger gehe in den Dialog und besuche die Parteien. Na gut, ich besuche nur die Websites der Parteien. Dialoge führe ich aber trotzdem.

CDU
„Fünf Minuten zu spät!“ tadelt mich die CDU Website.
„Wir hatten keine Zeit ausgemacht“, stelle ich klar.
„Eben, da gehört es sich, doch lieber eine Stunde zu früh da zu sein, als eine Minute zu spät“, die Website zieht ihre Websitebrauen hoch.
„Eine Stunde vor was?“, stöhne ich, aber sie antwortet nicht, sondern zieht nur ihr strenges CDU-Gesicht.. „Na gut, erzählst du mir dann wenigstens, warum ich dich wählen sollte?“
„Keine Experimente!“antwortet sie und wiederholt es wie ein Mantra.
„Ihr seid dagegen, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren“, werfe ich ihr vor.
„Ja schon, auch Merkel sagt, sie fühle sich nicht wohl dabei. Und Merkel mögt ihr doch alle, allein deswegen müsstest du schon die SPD, ähh, CDU wählen.“
„Aber warum muss Merkel sich dabei wohl fühlen?“
„Das musst du jetzt wirklich uns scheinheiligen Gleichstellungsbefürworter selbst fragen!“ schüttelt die Website den Kopf.

SPD
„Warum sollte ich euch Wählen?“ frage ich die Website der SPD und starre meinen Laptop erwartungsvoll an.
„Wegen unserem Werbespot natürlich!“ antwortet sie sofort und lässt ihn abspielen.
„Der ist nicht schlecht“, gebe ich zu, „schön gemacht und so weiter, aber ziemlich inhaltslos.“
„Ein Werbespot soll ja auch werben und keine Inhalte vermitteln, niemand hat was dagegen, wenn du dir unser Wahlprogramm durchliest…“, sagt sie zickig.
„Die CDU hat ein halbstündiges Video auf Youtube, in dem ihr Wahlprogramm vorgestellt wird.“, provoziere ich sie weiter.
„Die haben es ja auch nötig, die wollen endlich mal auch eine andere Zielgruppe erreichen“, antwortet die Website und rümpft die Nase.
„Das Video hat kaum Klicks“ beruhige ich die Website schnell, sie tut mir ein bisschen leid, ich frage trotzdem weiter: „Und warum seid ihr besser als die Grünen?“
„Sind wir nicht“ gesteht die Website, nach kurzem Überlegen.
„Also wähle ich lieber die Grünen?“
„Mhhm, wäre schon besser…“ murmelt sie „ aber mal im Ernst, kann man eine Partei ernst nehmen, die nach einer Farbe benannt ist? Klingt sozial-demokratische Partei nicht viel besser?“

Die GRÜNEN
„Wir sind die am wenigsten moralisch verwerfliche Partei.“ protzt sie, bevor ich überhaupt den Mund aufmache, um sie zu begrüßen.
„Das mag schon sein, aber am Ende des Tages sind doch alle unzufrieden.“ stachele ich sie an.
„Du denkst, wir sind unfähig?“ sie runzelt ihre Websitestirn. „Das sind doch nur Vorwürfe der Konkurrenz.“
„Ihr seid doch zum Beispiel für mehr Volksentscheide. Hat euch das Brexitvotum nicht gelehrt, dass es von Nachteil ist, das Volk entscheiden zu lassen?“
„Ach jetzt komm schon, mit uns in Berlin darfst du dann über den Bau eines neuen Bahnhofs abstimmen, nicht über den Austritt der EU. “
Ich schweige.
„Dir fällt nichts ein, was bei uns wirklich schlecht ist, oder?“, neckt sie mich und sagt dann gekränkt: „Ich necke niemanden, ich bin eine Website.“
„Ich muss den Text aber mit Verben ausschmücken!“
„Hast du bei dir gerade auch nicht gemacht.“, beschuldigt sie mich „Da! Schon wieder!“

Das GEWISSEN
„Wählen ist ganz schön anstregend.“, jammere ich.
„Wer nicht wählen geht, darf sich auch nicht beschweren!“, brüllt es mich an.

Die LINKE
„Huch, euer Text ist sogar linksbündig!“
„Ganz genau“ grinst die Website.

AfD
„Hey, naaa… Wir sind Unbequem. Echt. Mutig, stellen uns dem Gegenwind und sind einfach die bessere Alternative für Deutschland“ lügt die Website.
„Echt? Wie seid ihr denn so, aus der Mitte? Rechts? Links?“ spiele ich mit.
„Aus der Mitte natürlich!“, ruft sie und glaubt es beinahe selbst.

NPD
„Wir haben auch Plakate aufgehängt, aber ganz oben! Damit Ihr die nicht so leicht abreißen könnt!“, strahlt ihr Rechtsextremisten-Websitegesicht.
„Die sind echt hoch. Und die Linke ist meistens ganz unten. Wird wohl nie abgerissen… Nicht mal von euch?“
„Nöö, wir scheren uns doch eh nicht um Minderheiten.“

Mister AfD

Diesen Beitrag widme ich Georg Schwab, AfD, den ich am Donnerstag, dem 26.05. abends an der Kirche am Friedrich-Wilhelm-Platz in Berlin traf, und den meine Freunde und ich bei der Gelegenheit nach dem ‚Warum‘ fragten. Ihr wisst schon, warum er einer salonfähigeren Variante der NPD beigetreten ist.

Kann ich in meinem Lebenslauf schreiben, dass ich ehrenamtlich arbeite? Immerhin bekomme ich kein Geld für diesen Blog. Ich wirke also bei dem Projekt, das Internet friedlicher zu machen, mit, frage mich genau wie ihr jetzt tagtäglich, warum so viele dieses Angebot nicht wahrnehmen. Wenn ich’s mir genau überlege, müsste ich eigentlich vom Staat bezahlt werden. Natürlich solange die AfD nicht das Sagen hätte, da könnt ich’s mir abschminken, die stehen nicht so auf Kritik, die haben eh ein anderes Wort dafür, es nennt sich „Lüge“.
Reformen der deutschen Sprache sind aber nicht das einzige, was die können, ne, ne. Die helfen mir jetzt auch beim Sparen, gebe jetzt nicht mehr soviel Geld beim Essengehen aus, verlasse nämlich meine Wohnung nicht mehr. Da draußen lauern Pegida und AfD und Georg Schwab und andere Gefahren, und wenn ich denen begegne, werde ich vermutlich aus Deutschland ausgewiesen und kann nicht mehr rein, denn sonst werde ich an der Grenze erschossen, bin nämlich ein gläubiger Flüchtling, glaube tief und fest ans Flüchten vor Problemen, wie meinen Mathe- und Biohausaufgaben, bin mehr so der geisteswissenschaftliche Typ.

An besonders schlimmen Tagen schalte ich das Internet aus, die Beleidigungen dort sind gefühlt sehr willkürlich, und doch sehr schlimm.  An besonders schönen Tagen wird die Stimme in meinem Kopf, die sagt: „Kind, geh doch mal raus“, sehr laut und ich mache Urlaub auf Balkonien. Da ist es sonnig, und wenn dann doch mal Pegida oder AfD oder mal wieder Georg Schwab unten entlangläuft, kann ich wenigstens drauf spucken. Das war jetzt politisch nicht ganz korrekt, aber wenigstens habe ich nicht „drauf schießen“ gesagt, das gehört sich nämlich nicht, und außerdem ist Georg Schwab doch gar kein Flüchtling. Zur Sicherheit kann ich ja auch nochmal bei Petry nachfragen, die weiß eh immer alles besser.
Meine Gruppe, circa 20 Leute, ließen den Abend an dem Platz ausklingen, als Mister AfD vorbeilief und uns nett fragte, was wir denn so machen, er uns Bilder zeigte von ihm beim Theater und dann schließlich bei der AfD. Wenn ich sehe, dass die AfD teilweise im zweistelligen Bereich Zuspruch findet, erschreckt mich dies. Doch ich bin nicht der Meinung, man sollte sie jetzt umso mehr mundtot machen. Das hilft niemandem außer der AfD, die sich dann noch mehr als Opfer postuliert.
Georg Schwabs bester Freund sei Tunesier, meinte er zu uns. Aber Muslime seien schlimm für Deutschland, #kulturundso, fünf Minuten später waren es dann doch nur die Islamisten, die schlecht seien.
„Aber Herr Schwab, jede Partei ist doch gegen Islamisten?“
„Nein“, sagt er, „die haben nur ihr Programm an unseres angepasst.“ Aha.

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