Ein typischer Sonntagnachmittag

Ich liege auf dem Küchenboden und fühle mich furchtbar allein. An dem Tisch neben mir stehen vier Stühle, von denen drei Plätze leer sind, den Vierten kann ich aus meiner Perspektive nicht sehen, aber als ich vor fünf Minuten das letzte Mal nachgeschaut habe, saß auch da niemand. Ich überlege, meine Wohnung zu verlassen, aber ich weiß, dass vor der Tür auch nur der Hausflur wartet. Dann höre ich es plötzlich an der Tür klingeln. Ich springe auf, ziehe mein Kleid zurecht, durchquere die Wohnung und reiße die Tür auf.
Doch alles, was mich da so frech angrinst, ist gähnende Leere. Wir starren einander an und sie schüttelt fast unmerklich ihren Kopf.
„Ich dachte du wärst jemand, den ich kenne“, sage ich, weil man schon etwas sagen muss, wenn man sich so direkt gegenüber steht.
„Ich schüttle nicht meinen Kopf, ich besitze gar keinen und reden kann ich schon gar nicht“, sagt sie nur. Und dann sage ich nichts mehr, sondern schließe die Tür.

Einbildung. Da draußen vor der Tür ist niemand – und am liebsten hätte ich mit ihm getauscht.

Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue nach oben, weil man das so macht, wenn man eine höhere Macht anspricht. Ich kann auch nicht erklären, warum die sich gerade im Himmel befinden soll – oder an meiner Zimmerdecke, fest steht nur, dass an meinem Zimmerboden ebenfalls niemand ist, der nach langem Bart und Flip Flops aussieht.
Was zuvor Aufregung war, ist nun Stillstand, ich lausche dem Wummern meines Herzens, und meine Gedanken hören langsam auf zu tanzen, stattdessen marschieren sie entschlossen in eine Richtung, sind treue Soldaten meines Textes, der mir eine Lösung bietet, die so offensichtlich ist, dass ich sie bisher übersehen hatte.
Ich greife zum Telefon und rufe meine Freunde an.

Tiefsee

Meine Familie und ich leben auf einem U-Boot. Ich nenne es nicht mein zu Hause.
Wenn ich erst damit anfangen würde, mein U-Boot zu HAUSe zu nennen, könnte ich gleich meinen Toaster Heizung nennen, weil sie doch beide etwas warm machen und so vom Gefühl her das gleiche Resultat bringen. Damit mir dieses Malheur nicht passiert, habe ich meinen Toaster weggeschmissen.

Außerdem rollt meine Familie mit den Augen, wenn ich von dem U-Boot als unser zu Hause spreche, und davon, dass schon meine Großeltern hier gewohnt haben und dabei auf das Bild auf der Wand zeige. Ich nuschele dabei immer ein wenig, denn wenn man beim Lügen nuschelt, tut es dem Gegenüber hinterher weniger weh. Das kann sich dann nämlich einbilden, dass der Andere sich tatsächlich merkwürdig verhalten hat, und Menschen, denen es schwerer fällt zu lügen, sind beliebter.

Dabei stimmt es, dass meine Großeltern hier schon gelebt haben, von ihnen ist noch die ganze U-Boot Technik, allerdings haben sie nie Bilder gemacht. An Tagen, an denen sie sich liebten, da liebten sie sich zu sehr zum Bilder machen, und an Tagen, an denen sie sich hassten, da hassten sie sich zu sehr. Das Bild an der Wand ist aus einer der Zeitschriften, die ich immer gelesen habe, weil darin Tipps standen, wie man seine große Liebe findet und eine Familie gründet. Bilder von Paaren aus Zeitschriften zu schneiden, an die Wand zu hängen und als seine Großeltern auszugeben, war nicht unter den Tipps.

Zwischendurch war ich mir dann auch nicht mehr so sicher, ob ich wirklich noch eine Familie gründen will. Ein bisschen wegen der notwendigen Skrupellosigkeit und ein bisschen, weil meine Nase zugeschwollen ist, als meine Allergie sich bemerkbar machen wollte. Die gegen die Vertöße der deutschen Sprache, für die ich sogar auf knackiges Toastbrot verzichte.
Meistens ist es ja so, dass, wenn Menschen einsam sind, sie sich von dem Wort einsam manipulieren lassen und seinem negativen Beigeschmack. Das redet ihnen dann die Einsamkeit ein. Dabei ist EINsamkeit doch genauso ein Wort wie ZWEIsamkeit oder DREIsamkeit. Zu zweit oder zu dritt ist es oftmals nicht einmal schöner als allein.

Ich hatte allerdings nicht viel, das ich alleine genießen konnte. Ich hatte wenig Geld, wenig Selbstbewusstsein, wenig Attraktivität, wenig Feingefühl, wenig Talent. Nur eine Handvoll Erkenntnisse, wie zum Beispiel, dass wenn ich ein Mann wäre, ich mich beim Pinkeln immer hinsetzen müsste und dass ich beim Basteln lieber klebe als male. Und dass ich ein U-Boot habe. Und das bietet mir die Möglichkeit, Menschen zu beeindrucken, und war meine einzige Möglichkeit, mir eine Familie zu halten.
Das geht ganz einfach, indem ich die Luke hinter ihnen versperre. Dann führe ich die Familie hinunter auf die zweite Ebene und setze sie vor der großen Glasscheibe ab, durch die sie das Meer und die fischchen bestaunen können und sich wünschen können, sie wären sie.
Ich würde nicht sagen, dass ich eine Entführerin bin, ich habe einfach nur ein U-boot.

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Wer sich eine Familie klaut, ist einsam. Wer die Kulisse zu seinen Geschichten in einem Schuhkarton nachbaut, ist beängstigend.

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Zweisamkeit

Mein Schatten und ich stehen uns sehr nahe. Ich habe ihn liebevoll Follower getauft und fühle mich jetzt wie ein Blogger. Allerdings haben wir diese Art von Freundschaft, die an schlechten Tagen nicht mehr existiert, immer nur an sonnigen Tagen, aber dann amüsieren wir uns prächtig zusammen über die Wortwörtlichkeit.

Wir marschieren zusammen durch die Welt, wenn es für euch okay ist, dass ich Berlin so nenne, und reißen schlechte Witze, wie „Was ist ein Keks unter einem Baum?“ „Ein schattiges Plätzchen!“, und regen uns gemeinsam über schlechte Menschen und das Internet auf, aber sagen dabei nie Dinge wie „früher war alles besser.“ Früher war nämlich nix besser, da war DDR und NS-Regime und der 1. Weltkrieg, da hat man dann vielleicht nur mehr wertgeschätzt, was man hatte.

Heute hat man viel, und entgegen der Meinung, Geld mache nicht glücklich, wissen wir es besser. Von Geld kann man sich nämlich unzählige Dinge kaufen, und mein Schatten und ich kriegen dabei immer Vergünstigungen. Neulich haben wir einen Pay-1-get-2-Deal gemacht, da habe ich mir einen Hut gekauft, genauso einen wie mein Schatten ihn dann auch bekommen hat. Wir sind sehr glücklich in unserer Zweisamkeit. Manchmal lege ich mich auf ihn und dann kuscheln wir.
Am Ende unseres Lebens werden wir gemeinsam beerdigt, vorausgesetzt, die Sonne scheint.
Am Ende dieses Textes erwartet man vielleicht noch eine Pointe oder eine Quintessence, dabei ist hier nur das Ende. Gewöhnt euch dran, das Leben ist voller Enttäuschungen.

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Minderheiten im Alltag

Wir Vergesslichen haben es nicht leicht. Nicht nur, dass wir eine Minderheit sind, wobei Experten die Dunkelziffer um ein Dreifaches so hoch einschätzen, wir werden auch oft nicht ernst genommen. Heute war ich in der Küche und habe mir ein Brötchen aus der Brötchentüte genommen. Ich habe es zum Brotschneidebrett getragen und es abgelegt, so dass es sich ganz gemütlich von dem Marsch erholen konnte. Dann habe ich es in der Mitte durchgeschnitten und musste dabei nicht einmal mehr heulen. Mittlerweile habe ich mich nämlich an diese inhumanitäre Handlung gewöhnt, da ich während meines Frutarier-Daseins doch sehr unter Phantomschmerzen gelitten habe.

Nachdem ich das Brötchen zerschnitten hatte, bin ich zum Kühlschrank gelaufen. Als ich ihn aufgemacht habe, hat das Licht sanft meine Haut gestreichelt. Dann habe ich überlegt, was für einen Belag ich auf das Brötchen packen könnte. Stand eine ganze Weile davor und habe die Gegenstände im Kühlschrank in meinem Kopf akribisch einem Ranking unterzogen. Habe mich schließlich für den Kirschjoghurt entschieden, der hat mich nämlich ein wenig an meine Frutarier-Zeit erinnert, und ich war nostalgisch gestimmt.

Habe dann mit dem Joghurt in der Hand den Kühlschrank geschlossen, mich umgedreht und das zerschnittene Brötchen entdeckt, für das ich ja eigentlich nur einen Belag brauchte. Ich bin aber sehr unspontan und konnte den Joghurt dann nicht mehr zurückstellen. Habe die zwei Brötchenhälften dann heimlich wieder in der Brötchentüte verschwinden lassen. Ach, die anderen werden froh sein, wenn sie ein Brötchen essen wollen, und es ist dann schon zerschnitten, niemand will ja gern die Drecksarbeit machen.

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Unerwähnt, da dies in diesem Beitrag zu weit führen würde, ist das „vorsätzliche Vergessen“. Eine Konsequenz des vorsätzlichen Vergessens, eine Spülmaschiene auszuräumen, kann zum Beispiel das Beschmieren eines Toasts mit Butter durch einen Löffel sein.

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Mister AfD

Diesen Beitrag widme ich Georg Schwab, AfD, den ich am Donnerstag, dem 26.05. abends an der Kirche am Friedrich-Wilhelm-Platz in Berlin traf, und den meine Freunde und ich bei der Gelegenheit nach dem ‚Warum‘ fragten. Ihr wisst schon, warum er einer salonfähigeren Variante der NPD beigetreten ist.

Kann ich in meinem Lebenslauf schreiben, dass ich ehrenamtlich arbeite? Immerhin bekomme ich kein Geld für diesen Blog. Ich wirke also bei dem Projekt, das Internet friedlicher zu machen, mit, frage mich genau wie ihr jetzt tagtäglich, warum so viele dieses Angebot nicht wahrnehmen. Wenn ich’s mir genau überlege, müsste ich eigentlich vom Staat bezahlt werden. Natürlich solange die AfD nicht das Sagen hätte, da könnt ich’s mir abschminken, die stehen nicht so auf Kritik, die haben eh ein anderes Wort dafür, es nennt sich „Lüge“.
Reformen der deutschen Sprache sind aber nicht das einzige, was die können, ne, ne. Die helfen mir jetzt auch beim Sparen, gebe jetzt nicht mehr soviel Geld beim Essengehen aus, verlasse nämlich meine Wohnung nicht mehr. Da draußen lauern Pegida und AfD und Georg Schwab und andere Gefahren, und wenn ich denen begegne, werde ich vermutlich aus Deutschland ausgewiesen und kann nicht mehr rein, denn sonst werde ich an der Grenze erschossen, bin nämlich ein gläubiger Flüchtling, glaube tief und fest ans Flüchten vor Problemen, wie meinen Mathe- und Biohausaufgaben, bin mehr so der geisteswissenschaftliche Typ.

An besonders schlimmen Tagen schalte ich das Internet aus, die Beleidigungen dort sind gefühlt sehr willkürlich, und doch sehr schlimm.  An besonders schönen Tagen wird die Stimme in meinem Kopf, die sagt: „Kind, geh doch mal raus“, sehr laut und ich mache Urlaub auf Balkonien. Da ist es sonnig, und wenn dann doch mal Pegida oder AfD oder mal wieder Georg Schwab unten entlangläuft, kann ich wenigstens drauf spucken. Das war jetzt politisch nicht ganz korrekt, aber wenigstens habe ich nicht „drauf schießen“ gesagt, das gehört sich nämlich nicht, und außerdem ist Georg Schwab doch gar kein Flüchtling. Zur Sicherheit kann ich ja auch nochmal bei Petry nachfragen, die weiß eh immer alles besser.
Meine Freunde und ich ließen den Abend an dem Platz ausklingen, als Mister AfD vorbeilief und uns nett fragte, was wir denn so machen, er uns Bilder zeigte von ihm beim Theater und dann schließlich bei der AfD. Wenn ich sehe, dass die AfD teilweise im zweistelligen Bereich Zuspruch findet, erschreckt mich dies. Doch ich bin nicht der Meinung, man sollte sie jetzt umso mehr mundtot machen. Das hilft niemandem außer der AfD, die sich dann noch mehr als Opfer postuliert.
Georg Schwabs bester Freund sei Tunesier, meinte er zu uns. Aber Muslime seien schlimm für Deutschland, #kulturundso, fünf Minuten später waren es dann doch nur die Islamisten, die schlecht seien.
„Aber Herr Schwab, jede Partei ist doch gegen Islamisten?“
„Nein“, sagt er, „die haben nur ihr Programm an unseres angepasst.“ Aha.

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Neulich in Berlin

Ich musste vorhin niesen. Es war nicht so dramatisch, wie es sich anhört, es war bloß der Anfang meiner Geschichte. Danach sind der Hund und ich spazieren gegangen. Er gehört mir nicht, aber ich halte mich an das alte Sprichwort, das mir schon in Grundschulzeiten zu Reichtum verholfen hat: Was man findet, darf man behalten. Wir haben zufällig den Hundebesitzer getroffen, er war so damit beschäftigt, seinen Hund zu suchen, indem er sein Gesuch an die Bäume klebte, dass er uns nicht bemerkte.

Ich lud den Hund auf eine Spritztour ein und der knurrte begeistert. Es könnte auch wütend gewesen sein, aber versuch du mal, einen Hund zu verstehen. Dann machten wir Rast. Pipi machen kostete 75 Cent. Wertbon von 50 Cent wurde am Automat ausgespuckt. Sollte auf die Toilette gehen nicht so etwas wie ein Menschenrecht sein? Ich werde mich dafür stark machen.

Der Hund und ich sind ein eingespieltes Team. Wenn der eine arbeiten muss, sagen wir uns oft, dass wir uns vermissen. Habe ihm dafür extra ein Handy gekauft.

Auf dem Heimweg habe ich eine Katze gesehen. Habe sie mitgenommen und den Hund dort gelassen, Katzen mag ich nämlich noch lieber.

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Faust beim Psychologen

„Faust, Heinrich. Professor. Ich werde 40, aber denken Sie jetzt ja nicht, dass ich in einer Midlife Crisis stecke oder gar einem Burnout – das sind Erfindungen der Moderne. Eine Zeit, in der die Menschen durch Googlen denken, ihrer Krankheit auf der Spur zu sein. Zugegeben, Goethe wäre neidisch, allein schon, um mal eben fix ein Synonym für ‚unglücklich‘ zu googlen, weil ‚unglücklich‘ so plump und einfallslos klingt. Aber das ist es nun mal, was ich bin, unglücklich. Ich habe das Gefühl, als würde ein Leben nicht ausreichen, um all den Dingen auf den Grund zu gehen, die ich nicht verstehe, und als würde ich meinen Schülern durch mein Halbwissen mehr schaden als nützen.

Personen, die mir nahestehen… um ehrlich zu sein, die gibt es nicht. Hatte neulich ein Date. Verlief nicht so gut, sie dachte, als ich in meinem Profil ‚liebt die Kunst‘ stehen hatte, nicht an die Zauberkunst.
Ich hatte mir ein wenig Gift für schlechte Tage aufgehoben, kennen Sie ja sicher. Aber schlechte Tage gibt es zur Genüge, Gift nicht.
Ob ich mein Leben dokumentiere? Mein Notizblog und ich sind nie alleine. Es nennt sich großspurig Tagebuch, und alles was ich in es hineinschreibe, wird von einem permanenten Gedanken verfolgt. WAS, WENN ES JEMAND LIEST?

Tagebücher sind nur gut, wenn auch Gutes darin steht, wenn es einen vielschichtiger und tiefgründiger erscheinen lässt. Wenn ich dann morgen oder übermorgen oder in ein paar Jahren oder nach einem ganzen Leben sterbe, man dann tot ist, und die Gegenwart die Vergangenheit ersetzt, wie das so ist, werden den Dingen, die ich zurücklasse, besonders viel Bedeutung beigemessen.

Man ist tot, und die Hinterbliebenen gehen mit nassen Augen das Hab und Gut des Verstorbenen durch. Niemand will ein Tagebuch zurücklassen, das einen als schlechten Menschen entlarvt. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, meines wegzuwerfen. Zudem könnte man leicht auf die Idee kommen, ich würde unter schweren Depressionen leiden. Wer schreibt denn auch Tagebuch an guten Tagen? Hallo, war heute im Zoo. Es war sehr schön. Alles fing damit an, dass… Ganz genau, niemand. Tagebuchschreiber sind eher der Typ Hallo, ich war heute auf dieser Feier, es war grauenhaft, alles fing damit an, dass…
Zumindest würde man dann mein Tagebuch finden, und auf Wikipedia würde dann stehen, dass ich bis zu meinem Tod an unentdeckten Depressionen litt, und ich würde als gestört, statt talentiert in Erinnerung bleiben und – Moment, Wikipedia?

Das setzt zwei Dinge voraus:

1) dass ich in meinem Leben irgendwas mache, das es es wert ist, über mich einen Beitrag zu verfassen. Jedoch frage ich mich immer, wer das eigentlich verfasst. Ich meine, dafür ist eine gründliche Recherche nötig, und man bekommt nicht mal Geld dafür. Wikipedia im Kapitalismus ist doch eigentlich ein großes Bekenntnis zur Menschlichkeit. Wie auch immer. Ich habe den heimlichen Verdacht, dass die Menschen ihre Wikipedia-Seiten selbst schreiben.

2) dass ich noch ein Weilchen leben werde, um etwas Wikipedia-Würdiges zu vollbringen, was bedeutet, ich kann mir beim Tagebuch wegwerfen noch etwas Zeit lassen.“

„Herr Faust, ich bin die Sekräterin. Bei mir müssen Sie nur einen Termin für Herrn Doktor machen.“

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