Hinterzimmerwahrheit

Mein Vermieter war tot, noch bevor er sich umbringen konnte.

Das hatten mir zumindest die wispernden Damen aus dem Erdgeschoss erzählt. Ich heuchelte ein wenig Trauer, genau wie die alten Damen, und dann gingen wir zusammen ins Hinterzimmer und stießen darauf an, dass wir keine Miete mehr zahlen müssten. Bald darauf klopfte Realität an, ganz lieb war sie. Sie konnte uns nicht in die Augen schauen als sie erwähnte, dass der Vermieter einen Nachfolger haben werde, an den wir sehr wohl Miete zahlen müssten. Doch wir luden Realität auf drei, vier Gläser Sekt ein, und bald war auch sie der Meinung, das mit der Miete habe sich erledigt.

Danach war ich ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Billy-Regal aufzubauen. Ich hatte es nicht bei Ikea gekauft, zu dem ich letzte Woche nicht hingefahren war, und hatte so keine Zeit, mir zu überlegen, ob ich der Sitte wegen doch noch meine Miete überweisen sollte. Ich entschied mich nicht, und wenn man sich nicht entscheidet, braucht man auch nicht handeln. Die Miete ist auf meinem Konto ganz gut aufgehoben, es wäre grausam, sie von dem nicht für den Strom bezahlten Geld zu trennen.

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Über das Geben und Nehmen

Ich habe mir heute fest vorgenommen, auf dem Balkon zu frühstücken. Meine Ex-Frau meinte immer, ich solle mir Eier wachsen lassen, ich sei doch ein Mann. Deswegen mache ich das heute. Ich habe ein wenig Angst, weil dort das Risiko steigt, von den Nachbarn entdeckt zu werden. Die haben nämlich jetzt eine neue Couch und einen Stalker. Um auf den Balkon zu kommen, muss ich erst durch den Flur und dann durch die Küche. Das war auch gestern schon so. Nur bin ich da links ins Bad abgebogen. Wenn ich dort das milchige Glas einen Spalt breit aufmache, passt mein Fernglas dadurch und ich werde nicht entdeckt. Auf dem Balkon ist das Beobachten entspannter, und vielleicht ist es die beste Tarnung, sich anzupassen, das habe ich zumindest mal gehört. Deswegen sitze ich, wie mein Nachbar manchmal, frühstückend auf dem Balkon mit Blick zu seinem Fenster. Er hat die ganze Woche auf dem Sofa geschlafen, da er und seine Frau Streit haben. Sie hat Nachrichten auf seinem Handy entdeckt, die er nicht erklären konnte. Dabei waren ‚Freu mich dich später zu sehen‘ und ‚Der Anblick von dir auf dem Bett macht mich süchtig‘ doch von mir. Jetzt muss ich versuchen, das wieder auszubügeln.

Mein Nachbar sitzt ebenfalls auf dem Balkon. Er sieht zu mir herüber und erschrocken lasse ich meinen Blick sinken. Nicht unsichtbar zu sein, macht einen plötzlich so existent. Ich nehme mein Müsli und gehe schnell in die Küche und esse dort weiter. Meinen Blick traue ich mich nicht von meinem Müsli abzuwenden. Nach einer Weile schaue ich hoch, doch dort ist niemand mehr auf dem Balkon. Ich durchsuche mit meinen Augen gründlich jedes Zimmer durch die Fenster, aber ich kann meine Nachbarn nicht entdecken. Traurig muss ich feststellen, dass sie wohl schon losgegangen sind.

Also gehe ich meinen Tätigkeiten nach. Nachdem ich die Schnappschüsse meiner Tochter, meiner Ex-Frau und meiner Nachbarn in mein Fotoalbum geklebt habe, werfe ich wieder einen Blick durch’s Fenster, und da fällt mir etwas auf, dem ich zuvor keine Beachtung geschenkt habe. Im Spalt des milchigen Glasfensters gegenüber sehe ich ein Fernglas.

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Anleitung, um dem Geben und Nehmen zu entkommen: keine Fenster oder Balkone bauen.

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Tiefsee

Meine Familie und ich leben auf einem U-Boot. Ich nenne es nicht mein zu Hause.
Wenn ich erst damit anfangen würde, mein U-Boot zu HAUSe zu nennen, könnte ich gleich meinen Toaster Heizung nennen, weil sie doch beide etwas warm machen und so vom Gefühl her das gleiche Resultat bringen. Damit mir dieses Malheur nicht passiert, habe ich meinen Toaster weggeschmissen.

Außerdem rollt meine Familie mit den Augen, wenn ich von dem U-Boot als unser zu Hause spreche, und davon, dass schon meine Großeltern hier gewohnt haben und dabei auf das Bild auf der Wand zeige. Ich nuschele dabei immer ein wenig, denn wenn man beim Lügen nuschelt, tut es dem Gegenüber hinterher weniger weh. Das kann sich dann nämlich einbilden, dass der Andere sich tatsächlich merkwürdig verhalten hat, und Menschen, denen es schwerer fällt zu lügen, sind beliebter.

Dabei stimmt es, dass meine Großeltern hier schon gelebt haben, von ihnen ist noch die ganze U-Boot Technik, allerdings haben sie nie Bilder gemacht. An Tagen, an denen sie sich liebten, da liebten sie sich zu sehr zum Bilder machen, und an Tagen, an denen sie sich hassten, da hassten sie sich zu sehr. Das Bild an der Wand ist aus einer der Zeitschriften, die ich immer gelesen habe, weil darin Tipps standen, wie man seine große Liebe findet und eine Familie gründet. Bilder von Paaren aus Zeitschriften zu schneiden, an die Wand zu hängen und als seine Großeltern auszugeben, war nicht unter den Tipps.

Zwischendurch war ich mir dann auch nicht mehr so sicher, ob ich wirklich noch eine Familie gründen will. Ein bisschen wegen der notwendigen Skrupellosigkeit und ein bisschen, weil meine Nase zugeschwollen ist, als meine Allergie sich bemerkbar machen wollte. Die gegen die Vertöße der deutschen Sprache, für die ich sogar auf knackiges Toastbrot verzichte.
Meistens ist es ja so, dass, wenn Menschen einsam sind, sie sich von dem Wort einsam manipulieren lassen und seinem negativen Beigeschmack. Das redet ihnen dann die Einsamkeit ein. Dabei ist EINsamkeit doch genauso ein Wort wie ZWEIsamkeit oder DREIsamkeit. Zu zweit oder zu dritt ist es oftmals nicht einmal schöner als allein.

Ich hatte allerdings nicht viel, das ich alleine genießen konnte. Ich hatte wenig Geld, wenig Selbstbewusstsein, wenig Attraktivität, wenig Feingefühl, wenig Talent. Nur eine Handvoll Erkenntnisse, wie zum Beispiel, dass wenn ich ein Mann wäre, ich mich beim Pinkeln immer hinsetzen müsste und dass ich beim Basteln lieber klebe als male. Und dass ich ein U-Boot habe. Und das bietet mir die Möglichkeit, Menschen zu beeindrucken, und war meine einzige Möglichkeit, mir eine Familie zu halten.
Das geht ganz einfach, indem ich die Luke hinter ihnen versperre. Dann führe ich die Familie hinunter auf die zweite Ebene und setze sie vor der großen Glasscheibe ab, durch die sie das Meer und die fischchen bestaunen können und sich wünschen können, sie wären sie.
Ich würde nicht sagen, dass ich eine Entführerin bin, ich habe einfach nur ein U-boot.

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Wer sich eine Familie klaut, ist einsam. Wer die Kulisse zu seinen Geschichten in einem Schuhkarton nachbaut, ist beängstigend.

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Zweisamkeit

Mein Schatten und ich stehen uns sehr nahe. Ich habe ihn liebevoll Follower getauft und fühle mich jetzt wie ein Blogger. Allerdings haben wir diese Art von Freundschaft, die an schlechten Tagen nicht mehr existiert, immer nur an sonnigen Tagen, aber dann amüsieren wir uns prächtig zusammen über die Wortwörtlichkeit.

Wir marschieren zusammen durch die Welt, wenn es für euch okay ist, dass ich Berlin so nenne, und reißen schlechte Witze, wie „Was ist ein Keks unter einem Baum?“ „Ein schattiges Plätzchen!“, und regen uns gemeinsam über schlechte Menschen und das Internet auf, aber sagen dabei nie Dinge wie „früher war alles besser.“ Früher war nämlich nix besser, da war DDR und NS-Regime und der 1. Weltkrieg, da hat man dann vielleicht nur mehr wertgeschätzt, was man hatte.

Heute hat man viel, und entgegen der Meinung, Geld mache nicht glücklich, wissen wir es besser. Von Geld kann man sich nämlich unzählige Dinge kaufen, und mein Schatten und ich kriegen dabei immer Vergünstigungen. Neulich haben wir einen Pay-1-get-2-Deal gemacht, da habe ich mir einen Hut gekauft, genauso einen wie mein Schatten ihn dann auch bekommen hat. Wir sind sehr glücklich in unserer Zweisamkeit. Manchmal lege ich mich auf ihn und dann kuscheln wir.
Am Ende unseres Lebens werden wir gemeinsam beerdigt, vorausgesetzt, die Sonne scheint.
Am Ende dieses Textes erwartet man vielleicht noch eine Pointe oder eine Quintessence, dabei ist hier nur das Ende. Gewöhnt euch dran, das Leben ist voller Enttäuschungen.

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Ungeladene Gäste

Und wie man sie loswird
Ein Essay zu „Was ist Identität?“

Das Müßige hat sich wie ein Parasit an mich geheftet. „Willst du einkaufen gehen?“ frage ich es.„Nein“ sagt es, das sagt es gerne.
Wir streiten uns schon den ganzen Tag, und auf Protestieren meinerseits folgt immer Kapitulieren. Meinerseits.
„Möchtest du vielleicht ein Essay schreiben?
„Nö.“
„Das Handy weglegen?“ Das Müßige schüttelt den Kopf.
Vielleicht war es auch schon immer da, aber es mag am liebsten auftauchen, wenn mein Bett bequem ist und meine To-do-Liste lang. Dann spüre ich immer, wie es an die Tür klopft. Es ist wie ein alter Freund, mit dem man eigentlich nichts mehr zu tun hat, den man aber aus Pflichtgefühl trotzdem herein lässt, und vielleicht auch, weil man sich nicht traut, einen Schlussstrich zu ziehen, weil Enden immer so endgültig sind.
Dann lümmeln wir uns zusammen auf die Couch und reden über phantastische Zeiten im Präteritum und schmieden Pläne im Konjunktiv, um die Gegenwart zu vermeiden. Aber das Müßige will nicht gehen, ich gebe ihm dezente Hinweise bis sie immer undezenter werden und frage es, wann ich denn sonst endlich anfangen sollte, etwas über Identität zu schreiben, doch es lacht mich nur aus und sagt, dafür hätte ich doch noch über 1000 Wörter Zeit.
Dann lehnt es sich zurück und erzählt mir etwas über den Unterschied von psychischer und sozialer Identität. Bei ersterer nimmt man ein Merkmal einer bereits existierenden Gruppenidentität an und definiert sich so für sich selbst. Bei letzterer wird einem durch die Gesellschaft eine Identität zugeschrieben. Und dann, sagt es, gäbe es da noch die Netzidentität, die man sich nach dem Baukastenprinzip konstruieren könne.
Dann ruft es meinen Account auf Instagram auf und zeigt mir ein Bild mit schön drapiertem, gesundem Essen und hält im Vergleich meinen Teller mit der abgegessenen Fertigpizza hoch. „Ungeladene Gäste“ weiterlesen

Himbeersaft

Der Club ist so etwas wie öffentliches Eigentum und so sieht er auch aus. Es gibt nicht einmal einen Türsteher, der die Party von kriminellen Gestalten und untervögelten Frauen reinigt, die, heiß im Präteritum, in letzter Verzweiflung ihre ein-Meter-Highheels ausgepackt haben und sich zu rotem Lippenstift hinreißen ließen, um doch noch einen Mann abzubekommen. Und eigentlich ist dieser Drecksladen auch gar nicht wert erwähnt, geschweige denn beim Namen genannt zu werden. Aber er gehört dennoch zu meiner Geschichte. Der neue Kollege hat mich hierher geschleppt, ist mega hip, meinte er. Wenn der damit Anarchie meint, hat er Recht. Die Musik unterbricht, wenn man Glück hat, nur alle fünfzehn Minuten, weil irgendein Idiot rumpöbelt und seinen Musikwunsch etwas zu ernst nimmt. Trotzdem ist sie so laut, dass ich nur die Hälfte der Sätze mitbekomme, die der neue Kollege erzählt. Gefühlt eintausend Ellenbogen rammen mich, Alkohol wird über mich geschüttet, immer dringender denke ich: ich muss hier raus.
Ich zwänge mich vorbei an dunklen Gestalten, Wochenend- und Dauerpartygänger, draußen angekommen weiß ich nicht, ob es Schweiß ist oder Regen, der mein Shirt ganz nass gemacht hat. Ich tippe auf Regen. Das andere wäre nämlich eklig.
Die Sackgasse ist erfüllt von der gedämpften Musik und dem flackernden Licht des „Open“-Schildes. Ich bin noch nicht weit gekommen, die Schatten der Nacht verbergen mich als ich das Paar am Straßenrand streiten höre.

Er packt sie, schlägt sie, schubst sie. Gewalt ist für mich etwas Abstraktes. Hollywood. Allgemein bin ich relativ jungfräulich wenn es um das Bedürfnis geht, jemandem eine runter zu hauen.
Aber jetzt nicht mehr, bin involviert, kann mich nicht rühren, nicht bewegen. Das Sprichwort, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, bekommt eine ganz andere Dimension. Der Ort ist so falsch, nicht einmal dieses Adjektiv fühlt sich hier wohl.
Und die Zeit, sie wundert sich, wer plötzlich auf Winterzeit gestellt hat, auf düstere, kalte Winterzeit.

Sie fällt und das Blut ist süß, Himbeersaft, denke ich.   „Himbeersaft“ weiterlesen

Überwindung

Ich teste, flüstere die Worte, schaue wie sie sich anfühlen.
Und ich merke, dass der Augenblick verstrichen ist, die Chance vertan. Weiß, dass es zu spät ist für so vieles und beschäftige mich so lange mit diesem Gedanken, dass ich vergesse, dass ich auch jetzt noch Dinge machen könnte, Dinge ändern könnte.

Über die Faulheit, das Verschieben auf später, Vertagen auf Morgen. Wieder zu wenig geschlafen, doch rede mir ein, dass es vollkommen reicht.

Erstaunlich, wie viel Arschtreten es kostet, die Wäsche aufzuhängen.

Eine Bewerbung abzugeben.

Eine Bewerbung zu schreiben und sie abzugeben. Starre auf den goldenen „Überwindung“ weiterlesen