Über das Geben und Nehmen

Ich habe mir heute fest vorgenommen, auf dem Balkon zu frühstücken. Meine Ex-Frau meinte immer, ich solle mir Eier wachsen lassen, ich sei doch ein Mann. Deswegen mache ich das heute. Ich habe ein wenig Angst, weil dort das Risiko steigt, von den Nachbarn entdeckt zu werden. Die haben nämlich jetzt eine neue Couch und einen Stalker. Um auf den Balkon zu kommen, muss ich erst durch den Flur und dann durch die Küche. Das war auch gestern schon so. Nur bin ich da links ins Bad abgebogen. Wenn ich dort das milchige Glas einen Spalt breit aufmache, passt mein Fernglas dadurch und ich werde nicht entdeckt. Auf dem Balkon ist das Beobachten entspannter, und vielleicht ist es die beste Tarnung, sich anzupassen, das habe ich zumindest mal gehört. Deswegen sitze ich, wie mein Nachbar manchmal, frühstückend auf dem Balkon mit Blick zu seinem Fenster. Er hat die ganze Woche auf dem Sofa geschlafen, da er und seine Frau Streit haben. Sie hat Nachrichten auf seinem Handy entdeckt, die er nicht erklären konnte. Dabei waren ‚Freu mich dich später zu sehen‘ und ‚Der Anblick von dir auf dem Bett macht mich süchtig‘ doch von mir. Jetzt muss ich versuchen, das wieder auszubügeln.

Mein Nachbar sitzt ebenfalls auf dem Balkon. Er sieht zu mir herüber und erschrocken lasse ich meinen Blick sinken. Nicht unsichtbar zu sein, macht einen plötzlich so existent. Ich nehme mein Müsli und gehe schnell in die Küche und esse dort weiter. Meinen Blick traue ich mich nicht von meinem Müsli abzuwenden. Nach einer Weile schaue ich hoch, doch dort ist niemand mehr auf dem Balkon. Ich durchsuche mit meinen Augen gründlich jedes Zimmer durch die Fenster, aber ich kann meine Nachbarn nicht entdecken. Traurig muss ich feststellen, dass sie wohl schon losgegangen sind.

Also gehe ich meinen Tätigkeiten nach. Nachdem ich die Schnappschüsse meiner Tochter, meiner Ex-Frau und meiner Nachbarn in mein Fotoalbum geklebt habe, werfe ich wieder einen Blick durch’s Fenster, und da fällt mir etwas auf, dem ich zuvor keine Beachtung geschenkt habe. Im Spalt des milchigen Glasfensters gegenüber sehe ich ein Fernglas.

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Anleitung, um dem Geben und Nehmen zu entkommen: keine Fenster oder Balkone bauen.

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Zweisamkeit

Mein Schatten und ich stehen uns sehr nahe. Ich habe ihn liebevoll Follower getauft und fühle mich jetzt wie ein Blogger. Allerdings haben wir diese Art von Freundschaft, die an schlechten Tagen nicht mehr existiert, immer nur an sonnigen Tagen, aber dann amüsieren wir uns prächtig zusammen über die Wortwörtlichkeit.

Wir marschieren zusammen durch die Welt, wenn es für euch okay ist, dass ich Berlin so nenne, und reißen schlechte Witze, wie „Was ist ein Keks unter einem Baum?“ „Ein schattiges Plätzchen!“, und regen uns gemeinsam über schlechte Menschen und das Internet auf, aber sagen dabei nie Dinge wie „früher war alles besser.“ Früher war nämlich nix besser, da war DDR und NS-Regime und der 1. Weltkrieg, da hat man dann vielleicht nur mehr wertgeschätzt, was man hatte.

Heute hat man viel, und entgegen der Meinung, Geld mache nicht glücklich, wissen wir es besser. Von Geld kann man sich nämlich unzählige Dinge kaufen, und mein Schatten und ich kriegen dabei immer Vergünstigungen. Neulich haben wir einen Pay-1-get-2-Deal gemacht, da habe ich mir einen Hut gekauft, genauso einen wie mein Schatten ihn dann auch bekommen hat. Wir sind sehr glücklich in unserer Zweisamkeit. Manchmal lege ich mich auf ihn und dann kuscheln wir.
Am Ende unseres Lebens werden wir gemeinsam beerdigt, vorausgesetzt, die Sonne scheint.
Am Ende dieses Textes erwartet man vielleicht noch eine Pointe oder eine Quintessence, dabei ist hier nur das Ende. Gewöhnt euch dran, das Leben ist voller Enttäuschungen.

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Zum Abschied

Für Clara – „Über Paul und seine Mutter“

Tagsüber gaben wir uns wie Freunde und abends hatten wir dann den Alkohol, den wir am nächsten Tag als Entschuldigung für die letzte Nacht gebrauchten. Wir redeten nicht über das, was geschah, und das machte es auf irgendeine Art surreal.  Es war eine Zeit, in der niemand mehr das Gegenüber nach seiner Herkunft fragte, wenn es nicht deutsch aussah, und langsam es nicht mehr toleriert wurde, wenn Jungs zueinander spielerisch sagten, dass irgendetwas schwul aussähe und deine-Mudda Witze langsam öde wurden. Essen wurde drapiert, fotografiert und gepostet und je weniger Kalorien, desto mehr likes. (Obwohl es dort auch auf die Kreise ankam.) Unsere ersten Male, blutige Laken, ausnüchternde Krankenhausfahrten, hatten wir alle mittlerweile hinter uns. Wir chillten viel, aber immer mit der Angst im Nacken, irgendwo etwas zu verpassen.
Und obwohl ich mich im Schneidersitz auf den eklig verklebten Boden der U-bahn hockte, wenn es keinen Sitzplatz mehr gab, auf den Straßen ohne Rücksicht laut Musik hörte und ständig Neologismen zum Umwandeln von hochsprachlichen Wörter in Jugendsprache benutzte, fühlte ich mich altmodisch. Ich wartete. 
Ich wartete auf den einen Jungen, der mein Herz im Sturm erobern würde und mit dem sich eine Beziehung mit all seinen Pflichten nicht lästig anfühlen würde. Bis es soweit war, würde ich mich vergnügen.
Dafür hatte ich Paul auserkoren. Er schien ein recht anständiger Junge aus gutem Hause mit einem Hang zu Alkohol und Partys zu sein. Und während die meisten Anderen sich harte Drogen einschmissen, lehnte er stets humorvoll ab, und das mochte ich.

Es war ein warmer Sommertag und die Konstellation unserer Truppe kam nur dadurch zustande, dass die meisten unserer jeweiligen besten Freunde bereits den Sommer im Süden verbrachten, faul die Beine in den Hotelpool baumeln ließen, oder mit Rucksack auf dem vom Schweiß nassen Rücken durch die Landschaften turnten.

Ich saß hinten, in dem Auto, das nicht sauber war, aber auch nicht schmutzig. Eher muffelig. Und dieser Geruch nach heißem Stein und Schweiß und vergessenem Essen in vergessenen Brotboxen. Wir fuhren im Wagen von Kai, den alle nur wegen eben dieses Wagens tolerierten und weil er der Einzige unter uns war, der bereit war auf Alkohol zu verzichten, um uns sicher nach Hause zu fahren.
Paul saß neben mir. Ich sah den dunklen Rand unter seinen Achseln, aber es machte mir nichts aus, denn es erinnerte mich an den Schweiß letzter Nacht, und mich überkam absurderweise bei dem Anblick ein Anflug von Geborgenheit. In letzter Zeit hatte ich mir öfters eine Zukunft mit ihm ausgemalt, aber „Zum Abschied“ weiterlesen

Sardinien

Wo soll ich anfangen?

Ach, einfach mittendrin. Also. Müsst euch jetzt Strand vorstellen. Türkises Meer, auch ein paar Felsen. Nicht so viele Touris, ist ja erst April gewesen. Wir 4 lustigen Menschen machen einen Ausflug mit dem Auto meiner Austauschpartnerin zu der Küste Cala Liberotto in Orsei, wir sind am Strand, tolles Wetter, haben noch den Volleyball von jemandem aus unserer Austauschgruppe und zufällig ein Volleyballfeld, bisschen abseits vom Meer, gefunden. Irgendwann beim Spielen (obwohl wir verdammt schlecht sind), wird mir warm. Ich brülle den Anderen kurz zu, dass sie warten sollten.

Und dann los, Richtung Wasser. Sprint. Nur kurz Füße rein, denke ich, aber hach, was soll’s, es ist so warm, geh ich halt gleich ganz rein. Reiße mir also im Rennen das Shirt vom Leib und schmeiße es in einem Anflug von Frühlings-, Freiheits-, und Urlaubsgefühlen hinter mich. Bin schon mit meinem Füßen im Wasser, als mir da was auffällt. „Sardinien“ weiterlesen